Das Limmattal sucht nach seiner Identität. Das sagt einiges über die aktuelle Befindlichkeit dieser Region. Denn geht es um Identität, ist ein Grundpfeiler unseres Lebens betroffen. Wer seine Identität sucht, ist im Innersten aus dem Gleichgewicht gebracht.
Ein Beleg dafür waren zuletzt wütende Reaktionen der Gegner der Limmattalbahn. Die Abstimmung vom 22. November und das Nein von acht Bezirksgemeinden hat aufgedeckt, was unter der Oberfläche mottete.

Es muss festgehalten werden, dass das Limmattal nicht erst in den letzten Monaten nach seiner Identität suchte. Im Bemühen darum gleicht das Limmattal der ganzen Schweiz. Während die einen sich am Dietiker Limmat-Tower als Symbol einer modernen Region erfreuen, träumen die anderen von den Zeiten, als Städte und Gemeinden noch Dörfer waren. Das Resultat sind ein Tal, zwei Welten – und gesellschaftliche Spannungen.

Schon vor zwanzig Jahren wurde im Bezirk Dietikon lauthals der Stillstand beklagt, Schlagzeilen in den Medien im Stile von «der Mülleimer des Kantons» oder «Ruhrpott der Schweiz» schmerzten. Sie stachelten den Veränderungswillen einer Reihe von Exekutivmitgliedern an. Das war bitter nötig. Das Limmattal war nach dem Zerfall der Industrie in den 1970er- und 1980er-Jahren in eine Art Dornröschenschlaf verfallen. Statt zu agieren, wurde erduldet. Man fühlte sich vom Kanton vernachlässigt und ungeliebt.

Endlich war man wieder wer

Dann zog nach der Jahrtausendwende die Konjunktur an, Zürich stieg zur weltweiten Spitze in Sachen Lebensqualität auf und die Personenfreizügigkeit brachte Arbeitskräfte. Im Limmattal setzte ein Bauboom ein, wie es ihn seit den 1960er-Jahren nicht mehr gegeben hatte. Die alten Industriebrachen wurden zu Objekten der Begierde von Investoren. Es keimte Hoffnung auf. Endlich raus aus der Depression.

Zu Beginn des Aufschwungs nahm die Aussenwelt das Limmattal als Unort im Schatten Zürichs wahr, als Ort des Durchgangs; über die Autobahn, im Zug, vorbei an den Gasometern, die Zürich ankündigten. In wenigen Minuten ist man durch, da bleibt wenig im Gedächtnis haften. Zumindest wenig Schönes. Die Region machte weiterhin Schlagzeilen mit ihren hohen Bevölkerungsanteilen an Ausländern und Muslimen.

Mit den Veränderungen wurde das Limmattal zum Mekka für Forscher und Planer von Universität und ETH sowie Hochschulen. Stadtentwicklung Schlieren, Agglomerationspark Limmattal, Bio-Technopark, Cleantech: Das Limmattal war plötzlich irgendwie hip – und seiner Bevölkerung tat die Aufmerksamkeit wohl in der Seele. Endlich war man wieder wer.

Das Limmattal verstand sich stets als eigenständige Region, zu deren Eigenheiten es gehörte, sich gegenüber den Aargauer Limmattalern als Zürcher abgrenzen zu müssen. Zur Identität gehörte, dass sich die Region als eine der Gegensätze verstand, Stadt und Natur, Schweizer und Ausländer, Verkehrserschliessung und Naherholungsgebiete, Hightech und Landwirtschaft, das liegt alles nahe beisammen. Suisse Miniature.

Die Hoffnung und Strategie der Gemeinden: Mehr und bessere Wohnungen sollten die Bevölkerung durchmischen, das Steuersubstrat erhöhen. Dafür setzten sie sich mit den Investoren ins gleiche Boot, betrieben neu Standortförderung. Die Bevölkerung stieg rasant, in Schlieren um 50 Prozent, aber auch Dietikon, Birmensdorf, Aesch, Uitikon hatten hohe Zuwachsraten. Doch mit der erhofften Durchmischung hat es nur bedingt geklappt. Am Ende explodierten die Infrastrukturkosten.

Mit der Finanzkrise 2008 kam wie in der Bankenwelt erst die Skepsis, ob dies alles auch zum Vorteil ist, dann das Ende der Party. Die Minarett-Verbotsinitiative vergiftete das Klima im ausländerreichen Limmattal zusätzlich. Es mehrten sich die Signale, dass die Veränderungen für einige Limmattaler eine zu grosse Geschwindigkeit angenommen hatten. In Schlieren brachten die Wahlen 2010 eine Kehrtwende in der Politik.

Vom reformfreudigen Spirit im Parlament, das zehn Jahre lang den Stadtrat darin unterstützt hatte, Schlieren in eine attraktivere Stadt zu verwandeln, blieb nicht mehr viel übrig. Dabei hatte Schlierens Entwicklung lange Vorbildcharakter und darf als Exempel dafür herhalten, was überall im Bezirk vor sich ging. Sogar im Bezirkshauptort Dietikon war man neidisch gewesen, dass beim kleinen Nachbarn plötzlich alles möglich schien. Bei Abstimmungen und Wahlen zeigten die Limmattaler dort, wo Veränderung gewählt werden konnte, überdurchschnittliche Zurückhaltung: etwa bei der Kulturlandinitiative, bei der Limmattalbahn.

Kann das auf Dauer gut gehen?

Die Abstimmungen sind zwar ein Indikator, allgemeine Rückschlüsse lassen sie nur bedingt zu. Denn im Bezirk Dietikon ist die Hälfte der Bevölkerung aufgrund von Alter und Herkunft nicht stimm- und wahlberechtigt, in Schlieren und Dietikon sogar über 60 Prozent. Und von der anderen Hälfte beteiligt sich regelmässig weniger als die Hälfte am Urnengang, überall im Bezirk. Am Ende bestimmt eine kleine Minderheit über die Richtung einer Mehrheit. Kann das auf Dauer gut gehen?

Erst vor kurzem haben sich die Kantone Zürich und Aargau mit den Limmattaler Städten und Gemeinden zusammengeschlossen, um «eine Identität für diese boomende Region von nationaler Bedeutung zu schaffen». So unternehmungslustig das Leitmotiv «lebendig, vernetzt, vielfältig» auch klingt, der Name der Organisation ist nicht dazu angetan, Sympathien zu wecken: «Regionale Projektschau Limmattal». Regionale was?

Das Beispiel weist auf den Kern des Problems: Es wird krampfhaft versucht, Identität zu produzieren. Dabei kann sie letztlich nur von selbst wachsen. Das braucht Zeit. Solche Bemühungen laufen deshalb Gefahr, zu scheitern, die Identitätskrise zu verstärken.

Der Grund: Identität stiften bedeutet in den Augen der Behörden planen. Raumplanung: Siedlungsentwicklung, Gesamtverkehrskonzept, Verdichtung, Richtplan, Gestaltungsplan und so weiter. Das alles ist wichtig, erreicht aber die Herzen der Menschen nicht. Und deshalb besteht ein Zerwürfnis zwischen den Behörden und zuletzt einer Mehrheit ihrer (abstimmenden) Bevölkerung.

Die Geister der Entwicklung lassen sich nicht vertreiben. Als Reaktion bleibt lediglich, den Bevölkerungszuwachs, das Plus an Arbeitsplätzen und das Mehr an Verkehr in geordnete Bahnen zu lenken.

Doch in den letzten 15 Jahren wurde definitiv eine neue Faktenlage geschaffen: Das Limmattal ist nicht mehr eine Region mit einzelnen Städten und Gemeinden wie vor 50 Jahren. Der Bezirk Dietikon ist zusammengewachsen – buchstäblich. 10 der 11 Bezirksgemeinden gehen nahtlos ineinander über. Noch entscheidender: Der Bezirk ist mit der Grossstadt Zürich verschmolzen. Schlieren, Dietikon, Urdorf und Oberengstringen kämpfen mit sehr ähnlichen Problemen wie Zürich, ihre Mittel sind aber beschränkter, weil sie vom Kanton nicht den gleichen Zentrumsbonus wie Zürich erhalten.

Man kann sich fragen, ob die Bildung eines Bezirks Dietikon 1989 und damit die Loslösung vom Bezirk Zürich nicht etwas voreilig war. Bund und Kanton definieren die Region als westlichen Ausläufer der Stadt Zürich, als Limmattalstadt. Damit hat die Region einen Teil ihrer Eigenständigkeit verloren. Das ist mit ein weiterer Grund für die Identitätskrise.

Zeit für eine Vorwärtsstrategie

Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Die Zukunft bringt die Vergangenheit nicht zurück. Es ist daher Zeit für eine Vorwärtsstrategie. Das verständlich zu machen, dafür sind «Regionale Projektschauen Limmattal» nicht geeignet. Auch wenn die Umgebung zweifelsohne die Identität mitbeeinflusst, so muss sie durch die Menschen mit Leben versehen werden. Das Schlierefäscht und das Turnfest in Weiningen haben 2015 gezeigt, wie viel Leben in der Region steckt. Für eine Identität braucht es immer auch ein Wir-Gefühl.
Die Zukunft des Bezirks Dietikon kann nicht in der Rückkehr zu einer eigenständigen Randregion des Kantons Zürich liegen. Dass es für die Vergangenheit des Limmattals eine Zukunft gibt, zeigte dieses Jahr symbolhaft das Musiktheater Rotstift Reloaded, das die Sketches des schweizerischsten aller Cabarets aus Schlieren in die Moderne übersetzte und damit einen Erfolg feiern durfte. Die Zukunft aber beginnt mit der Akzeptanz des Unveränderbaren und der Gestaltung des Machbaren. Wer also das Limmattal in die Zukunft führen will, arbeitet daran, die Region zu einem selbstbewussten Bestandteil einer urbanen Region Zürich zu machen.