Ausgerechnet die SP bringt sich im bürgerlichen Kanton Zürich mit Rechtsprofessor Daniel Jositsch im Rennen ums Stöckli über die Ziellinie. Ein historischer Sieg. Die erste SP-Ständeratsvertretung seit 32 Jahren. Jositsch erreichte sogar mehr Stimmen als vor vier Jahren Gutzwiller und Diener. Es zeigt sich, dass Jositschs Kalkül vollumfänglich aufging. Es zielte darauf ab, sich bis weit in die Mitte hinein anzupreisen und sich dem konservativen Flügel der SP zuzurechnen, was aber nicht unbedingt zutrifft.

Ständerat: Jositschs Wahl ist nicht nur gut für die Sozialdemokraten, sondern auch für die Strategen von FDP, SVP und Grüne, für die die Planung nun berechenbarer wird. Diese drei Parteien können sich aufgrund der Ergebnisse des Sonntags Chancen auf den zweiten Zürcher Sitz ausrechnen.

Vor acht Jahren stand die SP vor der Wahl, sich zurückzuziehen, um ein rechts-bürgerliches Ständeratsduo zu verhindern. Sie tat dies schweren Herzens zugunsten von FDP und GLP. Diesmal ist die Situation durchaus umgekehrt. FDP und SVP müssen sich gut überlegen, ob nicht einer von beiden Forfait gibt, um den Grünen mit Bastien Girod alle Chancen zu nehmen. Ein Zusammenspannen von FDP und SVP im zweiten Wahlgang ist unwahrscheinlich. Denn die beiden Parteien bleiben entfremdet, sie unterscheidet nicht nur der Politstil, sondern auch Inhaltliches, etwa bei Europa.

Die Parteien entscheiden in diesen Tagen, wie es für sie weitergeht. Gestern liessen Noser, Vogt und Girod ihre Muskeln spielen, deuteten an, dass sie wieder antreten werden. Falls dies tatsächlich zutrifft, wird entscheidend, wohin die Stimmen der SP-Wähler gehen: zum linken Girod oder doch zum liberalen Noser? Vogt hat mit der SVP zwar die grösste Hausmacht hinter sich, doch ausserhalb seiner Partei wird er auch im zweiten Wahlgang kaum punkten. Blocher hatte es nicht geschafft, Ueli Maurer ebenso wenig. Für Vogt müsste dies heissen: Rückzug zugunsten von Noser. Eine links-grüne Ständevertretung Jositsch/Girod ist für Zürich kaum vorstellbar, es wäre eine Sensation. Auch deshalb wird der Logik nach am 22. November Ruedi Noser zum zweiten Zürcher Ständerat gewählt. Das wäre für den bürgerlich-liberalen Kanton Zürich die beste Lösung: Jositsch/Noser wäre gegenüber Gutzwiller/Diener etwas linker, aber immer noch in der Mitte positioniert.

Nationalrat : Überrascht hat die SP auch bei den Nationalratswahlen in Zürich. Sie gewinnt zwei Sitze hinzu und kann sich zur Wahlsiegerin ausrufen – anders als auf nationaler Ebene. Aber auch SVP und FDP zählen dem nationalen Trend entsprechend zu den Siegern mit je einem zusätzlichen Sitz. Die SP gewann einen Sitz dank ihrer Listenverbindung. Die SVP hätte schon 2011 einen Sitz mehr gehabt, wären für Zürich schon deren 35 zu vergeben gewesen. Die FDP rechnete nach den Kantonsratswahlen vom Frühjahr wohl mit mehr. Dass sie es nicht schaffte, dürfte auch am geschickten Wahlkampf der SVP liegen, die sich zuletzt in der Flüchtlingspolitik moderater zeigte als gewohnt und sich damit zur Mitte hin anbot. Eingetroffen ist allerdings, was in der Mitte des Parteienspektrums erwartet wurde: BDP und GLP haben an die FDP verloren, die Grünen an die SP. Die Fukushima-Katastrophe, die ihnen 2011 grosse Erfolge brachte, ist aus der unmittelbaren Erinnerung gewichen. Wirtschafts- und Flüchtlings-Themen beschäftigen die Schweiz mehr als Energiefragen. Damit wird wie in Bundesbern auch im Kanton Zürich künftig wieder polarisierter politisiert. Die auf Konsens bedachte Schweiz wird somit etwas unschweizerischer.