Fehlt nur noch, dass zu Gewalt gegen Flüchtlinge aufgerufen wird. Wobei, nehmen wir einmal den Kommentator «Robert Frei», der zu einem LiZ-Artikel über die Seerettung von Flüchtlingen Folgendes von sich gab: «28 km vor der libyschen Küste – sind dort die Europäer zuständig für Seerettung? Die Migranten wurden nicht gerettet, sondern abgeholt.» Was «Robert Frei» damit meint: Man hätte die armen Teufel ersaufen lassen können. Ungläubig fragt man sich angesichts solcher Zeilen: Sind diese Leute verrückt?

Nicht jede Dummheit darf als mutige Kritik durchgehen

Man kann den Spiess auch umdrehen: Sind wir als Medienunternehmen verrückt, solche Inhalte zuzulassen? Balthasar Glättli, Grünen-Fraktionschef im Nationalrat, sagte diese Woche gegenüber der «Limmattaler Zeitung: «Ich bin kein Freund von Zensur, aber die Onlineportale haben eine Verantwortung.» Das sehe ich auch so.

Die AZ-Medien und damit die Limmattaler Zeitung haben umgehend ihre Regeln über den Umgang mit solchen Kommentaren deutlich gemacht. (Sie sind auf www.limmattalerzeitung.ch nachzulesen.) Dass sich Redaktionen noch schwertun mit der Zensur, kommt nicht von ungefähr. Sie wollen die Freie Meinungsäusserung gewährleisten, ohne sich der Beihilfe zur Verbreitung rassistischer Tiraden schuldig zu machen. Das Resultat: im Zweifelsfalle für den Kommentarschreiber. Vielleicht zu oft geben Redaktionen deshalb einen Leser-Kommentar frei, der es nicht verdient hat.

Rassistische Kommentatoren vertragen keine Kritik. Im Gegenteil, sie geben sich gerne mutig. «Othmar Schmid» sagt: «In der heutigen Diskussion gilt man als Rassist, wenn man sich kritisch zu den Flüchtlingen äussert.» Wie andere auch verkennt er, dass nicht jede Dummheit als kritische Meinungsäusserung legitimiert werden kann.

Umgekehrt ist nicht alles Rassismus, was sich gegen Flüchtlinge richtet. Vieles in Online-Kommentarspalten und sozialen Medien ist im Affekt gedankenlos hingeschrieben, vieles bleibt zumindest menschenverachtend. Das alles macht die Situation weder besser noch erträglicher.

Darunter fällt folgender Beitrag von «Stop Asylanten Schweiz», der auf Facebook gerade die Runde macht und hier in einer orthografisch korrigierten Fassung wiedergegeben wird. Darin heisst es: «Eine Schande: In der Schweiz haben wir Familien und Kinder, die nicht jeden Tag ausreichend zu Essen haben (...), aber wir geben Millionen (!) für Asylsuchende und andere Länder aus, ohne zuerst dem eigenen Volk zu helfen.

99% von euch haben nicht den Mut, dies zu kopieren.» Nicht genug zu Essen? In der Schweiz? Nicht den Mut dies zu teilen? Mut braucht es einzig, diesen Unsinn zu verbreiten.

Die Medienwissenschaft forscht zwar zum Thema Online-Kommentare. Eine Studie des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich (IPMZ) kam jüngst zur Aussage: Linke liken, Rechte kommentieren. Der Einfluss solcher Kommentare auf die Ausrichtung der Politik ist meines Wissens in der Schweiz nicht erforscht.

Die Politik ist nach rechts gerückt

Tatsache ist aber: Die Politik ist nach rechts gerückt, das politische Klima fremdenfeindlicher geworden – ein gesamteuropäischer Trend. Ein Grund dafür ist die Flüchtlingswelle, die Europa erreicht. Sie verunsichert, macht Angst. Deshalb bewegt, ganz unabhängig von der Tonalität der Diskussion, die schiere Masse der Flüchtlinge und deren Elend die Schweizer Bevölkerung.

Hass und Abneigung fremden Menschen gegenüber haben deshalb bis weit über die politische Mitte hinaus zugenommen, zumindest ist die Forderung nach «hartem und konsequentem Durchgreifen» auch im linken Lager salonfähig geworden. Immerhin: Die zuständige Bundesrätin Simonetta Sommaruga scheut Widerstand nicht.

Und wies diese Woche die Luzerner Regierung zurecht, die mehr zu wissen behauptete als die Bundesrätin: dass nämlich Eritreer im Heimatland nicht an Leib und Leben bedroht sind. Ein Umstand, über den keine Klarheit herrscht.

Der Zweck heiligt die Mittel, auch in der Politik. Die anstehenden nationalen Wahlen befeuern die Diskussion um Asylsuchende und Flüchtlinge mit dem Ziel, Wählerstimmen zu sammeln. Täuscht es, oder schweigt sich selbst die Linke – um Stimmen bemüht – eher aus, als dass sie wie bisher das Recht auf Asyl und einen menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen verteidigt?

Darüber hinaus sind Flüchtlinge ein beliebtes Thema, nicht nur in einem Wahljahr. Der Grund: Sie machen es den Einheizern einfach, denn von Flüchtlingen ist kein Widerspruch zu erwarten.

Offenbar ist für viele aber eine Grenze überschritten. Sie mögen rassistische Tiraden und menschenverachtende Kommentare nicht mehr hören, lesen und hinnehmen. Beispielhaft dafür steht der Kommentar der ARD-Tagesthemen-Moderatorin Anja Reschke, der auch in der Schweiz für Aufsehen sorgte und in den sozialen Medien die Runde machte.

Ihre Kernaussage: «Wenn man nicht der Meinung ist, dass alle Flüchtlinge Schmarotzer sind, die verjagt, verbrannt oder vergast werden sollten, dann sollte man das ganz deutlich kundtun, dagegen halten, Mund aufmachen!» Die Zustimmung der Netz-Gemeinschaft auf Reschkes Mutanfall war überwältigend.

Das nährt die Zuversicht, dass nicht alles so düster und verzweifelt ist, wie es in den Online-Kommentarspalten manchmal scheint. Doch es zeigt sich auch: Es ist höchste Zeit, mutig zu sein und den Mund aufzumachen.