Es dauert zwar noch ein paar Tage bis Weihnachten, ETH und Universität Zürich hat das Christkind in Person des Schweizer Milliardärs Hansjörg Wyss aber bereits besucht. Der Unternehmer schenkt den beiden Hochschulen 120 Millionen Dollar. Über dem Forschungsplatz Zürich scheint es derzeit Geld zu schneien, denn bereits 2012 hatte die UBS der Uni 100 Millionen Franken geschenkt – und eine Debatte über die Unabhängigkeit der Wissenschaft gleich mit. Die Wissenschaftsfreiheit gehört zu den bürgerlichen Grundrechten und garantiert die Freiheit von Forschung, Lehre und Studium. Doch was in der Theorie so logisch klingt, ist es in der Praxis nicht. Deshalb könnte als Folge der neuerlichen Schenkung die UBS-Debatte erneut aufflammen. Die grundlegende Frage, die sich stellt: Lassen sich ETH und Uni kaufen?

Schenkung von Forschungszentrum für WissenstransferZunächst einmal: Mit Wyss’ Schenkung bauen ETH und Uni ein gemeinsames Forschungszentrum auf mit dem Ziel, Erkenntnisse der Grundlagenforschung aus Bereichen wie Medizin und Technik sowie Materialwissenschaften bis Stammzellenforschung und Robotik in die Anwendung und damit den Markt zu führen. Die UBS ihrerseits finanziert an der Uni dauerhaft fünf Lehrstühle am Institut für Volkswirtschaftslehre und baut das «UBS International Center of Economics in Society» auf. Soweit die Fakten.

Wyss und die UBS ragen aufgrund der Höhe ihrer Beträge aus dem Reigen der Sponsoren und Donatoren heraus, sie sind jedoch kein Einzelfall. Dass aber komplette Lehrstühle von Privaten finanziert werden, kommt immer häufiger vor.

Das ist kein Zufall. Das Hochschulförderungsgesetz verpflichtet Universitäten dazu, selber Mittel zur Finanzierung von Betrieb und Forschung einzutreiben. Das wirft aber nicht nur die Frage nach der Käuflichkeit auf, sondern auch nach dem Selbstverständnis der Universitäten.

Zwei Typen lassen sich zur Veranschaulichung heranziehen. Erstens: Die klassische Universität gründet im aufklärerischen Geist des 18.Jahrhunderts. Ihr Ziel ist es, unabhängig von äusseren Einflüssen die Erkenntnis über Natur, Mensch und Technik zu mehren. Dies zum Wohle der Menschheit. Zweitens: Die moderne Universität sieht sich als Dienstleister mit dem Ziel, Erkenntnisse möglichst schnell der Praxis zugänglich zu machen. Damit wird sie aber stärker nachfrage- und damit marktgesteuert. Es ist eine ökonomische Sichtweise.

Welches Selbstverständnis sich eine Universität zulegt, ist nicht der entscheidende Punkt. Jedoch ist beim ökonomischen Ansatz Transparenz unerlässlich für die Glaubwürdigkeit der Forschung. Bekannt ist der Fall von ETH-Professor Prasser, der nach dem Fukushima-Unfall so lange als Experte für Kernenergie akzeptiert war, bis öffentlich wurde, dass sein Lehrstuhl von den AKW-Betreibern finanziert wird. Mit ihrem «Zürcher Appell» machte 2013 eine Reihe von Wissenschaftern klar, dass sie intransparente Geldflüsse seitens der Privatwirtschaft an die Universität nicht goutieren, da sie der Glaubwürdigkeit ihrer Arbeit schaden würden.

Die UBS-Diskussion führte zu neuen RichtlinienNicht immer war den Universitäten diese Gefahr bewusst. Erst die UBS-Diskussion hat dazu geführt, dass beispielsweise die Uni Zürich ihre Richtlinien für Sponsoring und Schenkungen neu regelt. Gleichzeitig gilt: Wenn sich die Interessen von Wissenschaft und Wirtschaft decken, spricht nichts gegen eine Zusammenarbeit.

All dieser Diskussionen zum Trotz ist die Schenkung von Hansjörg Wyss ein Segen für die Schweizer Forschung, denn sie ist auf Donatoren wie ihn angewiesen. Doppelt gut, dass das Forschungszentrum für Wissenstransfer darauf angelegt ist, einen Schwachpunkt im System zu beheben: Die Schweizer Grundlagenforschung ist zwar hervorragend, doch die Universitäten tun sich nicht so leicht damit, die Erkenntnisse einer Anwendung zuzuführen.

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