Die Alternative Liste (AL) befindet sich auf einem politischen Höhenflug. Deshalb peilt sie nach dem Zürcher Stadtrat nun selbstbewusst auch einen Sitz in der Kantonsregierung an. Der Mann der Stunde ist diesmal der 58-jährige Kantonsrat und Rechtsanwalt Markus Bischoff. Doch hat er eine Chance auf Erfolg wie Richard Wolff, der 2013 der FDP einen Sitz im Zürcher Stadtrat wegschnappen konnte?

Klar ist zum jetzigen Zeitpunkt: Mit dem Stadtzürcher Markus Bischoff erweitert sich der Kreis der Kandidierenden für die Wahlen vom 12. April 2015 auf 11 Personen für 7 Sitze. Nachdem Finanzdirektorin Ursula Gut (FDP) und Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) ihren Rücktritt angekündigt haben, treten fünf Amtierende erneut an. Es sind dies Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker (SVP, seit 2010), Baudirektor Markus Kägi (SVP, 2007), Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP, 2007), Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP, 2011) und Justizdirektor Martin Graf (Grüne, 2011). Die FDP und die SP wollen ihre bisherigen Sitze mit Carmen Walker Späh, Rechtsanwältin, Kantonsrätin und Präsidentin der FDP-Frauen, respektive der SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr verteidigen. Die CVP tritt mit Staatsanwältin und Kantonsrätin Silvia Steiner an. Seitens der EVP geht der Kantonsrat Nik Gugger ins Rennen und für die BDP deren Parteipräsident Marcel Lenggenhager.

Richard Wolff hat 2013 und 2014 vorgemacht, wie man eine Wahl gewinnt

Während die Kandidaturen bei BDP und EVP primär wahltaktisch motiviert sind, um mehr Aufmerksamkeit für die Kantonsratswahlen zu erhalten, darf sich die CVP ernsthafte Chancen ausrechnen. Umso mehr, als sie mit SVP und FDP vor kurzem ein 5er-Ticket bilden konnte. Das Ziel von Silvia Steiner ist es, Martin Graf aus der Regierung zu verdrängen und den 2011 verlorenen Sitz von Hans Hollenstein zurückzugewinnen.

Markus Bischoff bleibt in diesem Kandidatenreigen ein Aussenseiter. Doch auch Richard Wolff wurde 2013 belächelt, als er gegen den Kandidaten der mächtigen FDP ins Rennen stieg. Wolff profitierte allerdings davon, dass die FDP mit Marco Camin einen schwachen Gegner aufgestellt hatte. Im linken Zürich traf Wolff mit seinen Positionen und seiner unprätentiösen Art einen Nerv und siegte im April 2013. Er ist der erste AL-Stadtrat in Zürichs Geschichte. Ein Jahr später gelang Wolff sogar die Wiederwahl – auf Kosten der Grünen. In seinem Windschatten konnte die AL im Gemeinderat drei Sitze zulegen und hält nun deren acht. CVP wie EVP hat die AL hinter sich gelassen.

Anders als die Stadt Zürich ist der Kanton für die AL ein steiniges Pflaster

Der Kanton Zürich ist aber ein ganz anderes Pflaster als die Stadt. Kantonsweit wird zur Mehrheit nicht linksgrün gewählt, sondern bürgerlich. Für Bischoff bedeutet dies eine gänzlich andere Ausgangslage als noch für Wolff. Die AL hat mit drei Kantonsratssitzen nicht einmal Fraktionsstärke. Der Grund dafür ist einfach: Die AL ist nämlich primär eine Stadtzürcher Partei. Nur in Winterthur und Dietikon ist sie im örtlichen Parlament vertreten, zudem in einigen Schulpflegen. Will die AL mit Bischoff am 12. April 2015 also auch in der Agglomeration und auf dem Land Wählerstimmen sammeln, braucht sie Allianzen. Kein Wunder, hat Bischoff am Mittwoch SP und Grünen bereits Avancen gemacht.

Mit ihren Kernthemen des Wahlkampfs – gerechte Steuern, günstige Wohnungen, bezahlbare Krippenplätze und konsequentes Eintreten für die Grundrechte – ist die AL zwar klar auf die Stadt Zürich ausgerichtet. Doch bezahlbarer Wohnraum hat als Thema mittlerweile die Agglomeration erreicht.

Kommt eine Allianz zustande, würde ein 4er-Ticket mit Fehr (SP), Fehr (SP, neu), Graf (Grüne) und Bischoff (AL, neu) gegen das 5er-Ticket mit Stocker (SVP), Kägi (SVP), Heiniger (FDP), Walker Späh (FDP, neu) und Steiner (CVP, neu) antreten. Ein solcher Wahlkampf würde Bischoffs Chancen erhöhen. Und jene seiner Partei, deren Minimalziel es ist, im Kantonsrat Fraktionsstärke zu erreichen, was zwei zusätzliche Sitze bedingt.

Bischoff kann auch dem links-grünen Lager gefährlich werden

Während ein links-grünes 4er-Ticket die Position von SP und Grünen stärkt, müssen sie sich eine Zusammenarbeit mit der AL gleichwohl gut überlegen. Denn Bischoff könnte sowohl Graf wie Jacqueline Fehr gefährlich werden. Graf hat sich den Bürgerlichen angebiedert, indem er im Fall «Carlos» vorschnell Härte demonstrierte und selbst Kritik an der Situation übte. Damit stiess er manch einen linken Wähler vor den Kopf. Als Folge davon könnte so mancher Linker im Juristen Bischoff den besseren Justizdirektor sehen. Jacqueline Fehr ist vielen bürgerlichen Wählern viel zu links, weshalb sie im ersten Wahlgang aus taktischen Gründen für Bischoff votieren könnten. Zudem: Bei bürgerlichen Politikern hat Bischoff als Chef der Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) bei der Aufarbeitung der BVK-Affäre einen guten Eindruck hinterlassen. Dies alles macht Bischoff auf allen Seiten zu einem ernst zu nehmenden Gegner. Während der Kandidat Richard Wolff noch belächelt wurde, wird bei Markus Bischoff keine Partei den Fehler begehen, ihn zu unterschätzen. Das spricht zwar für Markus Bischoff, aber gegen seine Wahl.