Wochenkommentar

Geborgenheit darf niemandem auf den Wecker gehen

Geht es nach einigen Anwohnern, so werden die Glocken der reformierten Kirche Schlieren nachts bald schweigen.

Geht es nach einigen Anwohnern, so werden die Glocken der reformierten Kirche Schlieren nachts bald schweigen.

Wochenkommentar zur Absicht, die Kirchenglocken in Schlieren nachts ruhen zu lassen.

Die Nachricht kam überraschend: Die Kirchenpflege der Schlieremer Reformierten lässt ihre Gemeinde darüber abstimmen, ob die Glocken ihrer Kirche künftig zwischen 22 und 7 Uhr nicht mehr läuten sollen. Angeregt wurde die Glockenpause von Anwohnern, die sich am nächtlichen Geläut störten. Damit tritt die Kirchenpflege auf eine Debatte ein, die auch in Zürich und Weiningen die Emotionen bereits mehrfach hochgehen liess. Dass die Frage kontrovers diskutiert wird, liegt in der Natur der Sache: Geht es doch um nichts Geringeres als um den Bruch mit einer christlichen Tradition. Oder doch nicht?

Insgesamt 7 von 16 Kirchen im Bezirk Dietikon lassen ihre Zeitschläge derzeit noch in der Nacht erklingen. Damit zeigen sie der Bevölkerung durch viertelstündliche oder zumindest halbstündliche Glockenklänge die Uhrzeit an. Einige der Kirchenpflegen begründen ihr Festhalten an diesem althergebrachten Brauch damit, dass das Läuten der Glocken vielen Menschen Geborgenheit vermittle und den Lebensrhythmus bestimme. Damit dürften sie recht haben. Und zwar nicht nur in Bezug auf Kirchengänger: Wer in der Nähe einer Kirche aufgewachsen ist, wird sich zu Hause fühlen, sobald er eine Kirchenglocke hört. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass die Schweiz und die hiesige Kultur mitunter stark von den zwei Landeskirchen geprägt worden ist. Dazu gehörte lange Zeit auch, dass die Mitglieder einer Gemeinde ihren Tagesablauf und auch ihre Nachtruhe nach dem Geläut «ihrer» Kirche strukturierten. In der Diskussion um die Nachtruhe in der Umgebung von Kirchen ist deshalb oft das Argument zu hören, dass die Schweiz ein christliches Land sei und es die Tradition des Glockenläutens zu erhalten gelte.

Leistungsgesellschaft bringt viel Druck, Schlaf ist wichtig

Demgegenüber wirken die Anliegen der Anwohner, die sich vom Geläut der Kirchenglocken belästigt fühlen, trivial: Ihnen geht es schlicht darum, nachts jene Erholung zu erfahren, die ihnen der Arbeitsalltag abverlangt. Sie verbinden den Klang einer Kirchenglocke nicht mit Geborgenheit, sondern mit dem Moment, in dem sie aus ihrem Schlaf gerissen werden. Mit Stunden, die sie im Dunkeln ihres Schlafzimmers verbrachten, jede Viertelstunde die Schläge der Glocken mitzählend und verfluchend.

Dennoch ist ihr Anliegen berechtigt: Die Leistungsgesellschaft, in der wir leben, bringt für jene, die in ihr funktionieren wollen, im Alltag viel Druck mit sich. Dass da der Schlaf umso wichtiger wird, um die Energietanks wieder aufzuladen, versteht sich von selbst. 2011 zeigten die ETH und die Empa in einer Studie auf, dass sich das Kirchengeläut auf den Schlaf von Anwohnern im Umkreis von 150 Metern weitaus drastischer auswirkt als zuvor angenommen: Pro Nacht ist mit einer bis zwei zusätzlichen Aufwachreaktionen zu rechnen – einer Störung, die sich die wenigsten gerne antun.

Zudem bildet die Forderung der Anwohner in keiner Weise einen Angriff auf die christliche Tradition: Die Kirche unterscheidet klar zwischen «sakralem Geläut» zu liturgischen oder gottesdienstlichen Zwecken und «bürgerlichem Geläut», das noch aus dem Mittelalter stammt, als die meisten Menschen über keine Uhr verfügten. Diese Zeitschläge, die einigen Nachbarn der Schlieremer Kirche so zu schaffen machen, haben also keinen religiösen Hintergrund, sondern entstanden aus einer technischen Notwendigkeit. Dass diese angesichts der Uhren an unseren Handgelenken, Wänden und in Handys nicht mehr gegeben ist, liegt auf der Hand.

Die Kirchenpflege beweist Sensibilität

Weiter stellt sich bei einer Stadt wie Schlieren generell die Frage, wie weit die Bevölkerung kulturell tatsächlich noch von unseren Landeskirchen geprägt ist: Von den rund 17 500 Einwohnern sind gerade noch etwas mehr als die Hälfte – nämlich 54,7 Prozent – protestantischen oder katholischen Glaubens. Dazu kommt, dass die grösste Altersgruppe jene der 20- bis 40-Jährigen ist. Und in deren Reihen sind regelmässige Kirchengänger weitaus seltener anzutreffen als bei älteren Semestern.

Und schliesslich ist auch die Geborgenheit, die viertelstündliche Glockenschläge vermitteln sollen, kein triftiges Argument dagegen, diese während neun Stunden pro Nacht verstummen zu lassen. Ihre heimelige Wirkung können die Glocken während der restlichen 15 Stunden des Tages ja weiterhin verströmen. Alles in allem steht der Verlust, den eine nächtliche Pause für Anhänger der Glockenschläge bedeutet, wohl in keinem Verhältnis zur Erleichterung, die sie den Anwohnern verschafft.

Ob die reformierte Kirche in Schlieren in Zukunft also ihr Geläut ruhen lässt, um den Direktbetroffenen ihre Nachtruhe zu gönnen, darüber muss die Kirchgemeindeversammlung am 27. November erst noch entscheiden. Wie auch immer der Entscheid ausfällt: Der Schritt der reformierten Kirchenpflege, das Thema auf den Tisch zu bringen, zeugt von der nötigen Sensibilität und Augenmass. Wahre Bürgernähe würden auch andere Kirchgemeinden beweisen, wenn sie künftig nicht erst auf die Reklamationen von Anwohnern warten, sondern die Diskussion mit ihren Mitgliedern von sich aus lancieren.

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