Kolumne

Wein, Weib und dumme Sprüche

Zu den Hyperschmeckern gehören mehrheitlich Frauen. (Symbolbild)

Zu den Hyperschmeckern gehören mehrheitlich Frauen. (Symbolbild)

Bettina Hamilton-Irvine über Weine, Vorurteile und Geschmacksknospen.

Letzthin in einem eleganten Restaurant: Wir studieren Speise- und Weinkarte, entscheiden uns für Vor- und Hauptspeisen, schwanken aber zwischen zwei Rotweinen. Wir konsultieren den Kellner, erklären ihm, was wir besonders mögen und was nicht, bitten ihm um Rat.

Er empfiehlt einen der Weine mit den Worten: «Das ist ein ausgezeichneter Tropfen, guter Körper, relativ schwer, aber nicht wuchtig. Kurz: ein Wein, den man gut auch einem Anfänger oder einer Frau geben kann.»

Mir bleibt fast das Brot im Hals stecken. Dass er nicht gleich noch «oder einem Tier» angefügt hat, ist ein Wunder. Trotzdem ist der Kellner bei mir danach untendurch. Mit solchen Aussagen kann man mich wahnsinnig machen.

Das hat nichts damit zu tun, dass ich meine persönliche Beziehung zu Wein als ziemlich innig bezeichnen würde, mein Weinkeller einer meiner Kraftorte ist und ich in meinem Dietiker Haus auch gern mal ein mehrgängiges Gourmet-Dinner mit passender Weinbegleitung auftische.

Sondern damit, dass eine solch pauschale Verunglimpfung von Frauen als Weinbanausinnen nicht nur dumm ist, sondern auch auf einer komplett falschen Annahme beruht.

Denn Frauen haben ein sensibleres Geschmacksempfinden als Männer. Generell gibt es dabei drei Kategorien: Hyperschmecker, die eine höhere Anzahl Geschmacksknospen auf der Zunge haben als andere, normal Empfindliche und Menschen mit weniger Geschmacksknospen.

Letztere schmecken bittere Geschmäcker schlechter, und wohl auch Aromen wie Korkfehler. Wie die Studie eines kalifornischen Masters of Wine zeigt, besteht die Gruppe mit unterdurchschnittlichem Geschmacksempfinden zu 80 bis 90 Prozent aus Männern, während im Team der Hyperschmecker zwei Drittel Frauen sind.

Das mag hart sein für einige Männer. Die Weinjournalistin Joanna Simon gibt noch einen obendrauf: «Männer glauben oft, dass nur sie alles über Wein wissen. Und dann können sie sich nicht eingestehen, dass sie gar keine Ahnung haben.»

Das wiederum finde ich nun übertrieben. Hingegen dürfen dumme Sprüche wie derjenige des Kellners durchaus mit einem Trinkgeld quittiert werden, das man gut auch einem Anfänger geben könnte. Oder einem Tier.

Bettina Hamilton-Irvine ist Stellvertretende Chefredaktorin der Limmattaler Zeitung. Sie wohnt in Dietikon.

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