Manchmal, wenn ich an der Zürcher Bahnhofstrasse bin oder im Shoppi in Spreitenbach, schaue ich staunend den Leuten zu, wie sie alle so furchtbar emsig herumwuseln und Sachen zusammentragen. Eifrig gehen sie von Laden zu Laden, kaufen hier etwas und dort noch ein paar Dinge, die sie dann in ihre Einkaufswagen beigen, um danach geschäftig weiter zu wuseln. Dann frage ich mich: Was brauchen sie denn die ganze Zeit immer so dringend?

Dabei bin ich nicht besser. Auch ich brauche die ganze Zeit dringend irgendetwas. Vier Espressotassen. Ein vegetarisches Kochbuch. Einen neuen Duschvorhang. Ein Halstuch. Und noch eine Flasche Gin, obwohl ich schon etwa zwölf habe. Wir mögen Dinge, weil wir glauben, dass sie uns glücklich machen und Geborgenheit geben. Deshalb stopfen wir unsere Häuser voll damit. Häuser seien eigentlich nur ein Ort, um unsere vielen Dinge unterzubringen, sagte der grossartige US-Komiker George Carlin einst: Ein Ort, an dem wir unser Zeugs lagern können, während wir weggehen, um noch mehr Zeugs zu holen.

Wir glauben, dass Konsumgüter unser Leben besser machen. Und so arbeiten wir noch mehr, um noch mehr Geld zu verdienen, welches wir dann ausgeben können für Dinge, die uns glücklich machen sollen. Doch je mehr Zeugs wir haben, desto mehr wollen wir. Das kann böse enden: Studien zeigen, dass Menschen, die besonders viel Wert auf Materielles legen, auch besonders unglücklich mit ihrem Leben sind. Das kann sogar zu Depressionen führen. Und es beeinflusst unsere Beziehungen: So haben Forscher herausgefunden, dass soziale Werte abnehmen, wenn materialistische zunehmen. Wer mehr an Geld denkt, denkt weniger an seine Mitmenschen.

Wenn meine Mutter den Leuten beim Wuseln zusieht, sagt sie manchmal: «Der Papalagi hat viele Dinge.» In einem Buch von Erich Scheuermann nennt ein fiktiver Südseehäuptling die Europäer «Papalagi». Über sie sagt er: «Es ist eine grosse Armut, wenn der Mensch viele Dinge braucht, denn er beweist damit, dass er arm ist an Dingen des grossen Geistes. Der Papalagi ist arm, denn er ist besessen auf das Ding.» Vielleicht sagen Sie jetzt: «Ich lasse mir doch nicht von einem dahergelaufenen, fiktiven Südseehäuptling sagen, was mein Problem ist.» Das ist natürlich Ihr gutes Recht. Ich jedenfalls werde mich mal an meiner Papalagi-Nase nehmen. Aber zuerst brauche ich noch ein Tonic zu meinem Gin. Und vielleicht ein paar neue Gläser.

Bettina Hamilton-Irvine ist Journalistin und Kommunikationsleiterin. Sie wohnt in Dietikon.