Wollen wir Filme schauen, dann tun wir das zunehmend zu Hause in unserer bequemen Stube oder, ganz trendy, auf unseren mobilen Geräten. Besuche im Kino werden immer seltener – weil sie teuer sind, weil uns die Zeit fehlt, oder weil wir das Heimkinoerlebnis als mindestens gleichwertig empfinden.

Doch während die Besucherzahlen in den Kinos Jahr für Jahr zurückgehen, steigen sie bei den Filmfestivals bemerkenswerterweise an – teilweise deutlich. Das Festival del Film Locarno beispielsweise lockte diesen August über 166 000 Menschen an und damit 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das Zurich Film Festival (ZFF) verzeichnete 2013 knapp 71 000 Besucher – was sogar einer Zunahme von 22,5 Prozent entspricht. Beim diesjährigen ZFF, das morgen zu Ende geht, dürften diese Zahlen weiter angestiegen sein. Die Kinosäle beim Zürcher Bellevue waren während der bisherigen zehn Festivaltage oft bis auf den letzten Platz gefüllt.

Wie lässt sich dieser Zulauf erklären? Filmfestivals locken uns vom Sofa und vom Tablet weg, weil sie uns das Extraerlebnis bieten. An keinem anderen Ort kommen wir unseren Leinwandhelden zum Greifen nahe.

Des Festival del Film Locarno brachte Stars wie Juliette Binoche, Melanie Griffith und Rutger Hauer ins Tessin, das Zurich Film Festival lockte gar mit grossen Namen wie Antonio Banderas, Liam Neeson und Cate Blanchett.

Beide Festivals kämpfen mit dieser geballten Ladung Hollywoodprominenz um die Gunst von uns Zuschauern. Viele von uns können es sich aber nicht leisten, beide zu besuchen. Wenn wir uns zwischen Locarno und Zürich entscheiden müssten – was wäre die bessere Wahl?

Locarno bietet nicht mehr das eindeutig bessere Programm

Vor wenigen Jahren hätte die Antwort eindeutig Locarno geheissen. Die Filmschau im Tessin geniesst eine hohe internationale Anerkennung. Sie bietet uns Zuschauern auf der Piazza Grande das einmalige Erlebnis, eine Filmpremiere zusammen mit 8000 anderen Zuschauern im grössten Open-Air-Kino Europas zu geniessen.

Locarno hat über die Landesgrenzen hinaus eine Strahlkraft, neben der das Zurich Film Festival lange blass blieb. Doch das ist dabei, sich zu ändern. Das ZFF holt Locarno ein. Denn Locarno bietet uns nicht mehr das eindeutig bessere Programm. Die grossen Publikumsfilme auf der Piazza Grande enttäuschten dieses Jahr.

Die Gala-Premieren am ZFF dagegen – im komfortablen, wetterfesten und warmen Kino Corso – hatten es in sich. Dort kamen wir mit «Gone Girl» von David Fincher und «Nightcrawler» von Dan Gilroy in den Genuss von zwei der allerbesten Hollywoodfilme des Jahres. Dort sahen wir mit «Northmen: A Viking Saga» ein Actionepos aus Schweizer Hand, das das Zeug zum internationalen Kassenschlager hat.

Hinsichtlich der Infrastruktur hatte Zürich schon immer die Nase vorn

Abseits der Stars und Grossproduktionen bietet Locarno mit seinen starken Wettbewerbsbeiträgen aus aller Welt aber das künstlerisch wertvollere Programm, liesse sich entgegenhalten. Doch die Stimmen, die das Zurich Film Festival als Marketing-getriebenen Showevent abgetan haben, sind am Verstummen.

Wer sich dieses Jahr am ZFF dazu verleiten liess, auch unter den exotischeren Filmen in den Wettbewerbskategorien zu stöbern, machte tolle Entdeckungen. «The Look of Silence» von Joshua Oppenheimer beispielsweise war einer der nervenaufreibendsten Dokumentarfilme der letzten Jahre.

Und das dichte iranische Kammerspiel «Melbourne» bewies uns, dass die Perser auch zwei Jahrtausende nach «Tausend und einer Nacht» noch die besten Geschichtenerzähler sind. Die Nachfrage nach dem Film war so gross, dass die Festivalleitung eine Zusatzaufführung ansetzen musste.

Dass dies am ZFF so einfach möglich ist, ist ein weiterer Pluspunkt für Zürich. Was die Infrastruktur angeht, hatte Zürich mit seiner Kinodichte gegenüber Locarno schon immer die Nase vorn. Und auch die gute Anbindung der Limmatstadt – die zentrale Lage in der Deutschschweiz, der nahegelegene Flughafen – sprechen für Zürich.

Menschen sind bequem und suchen oft den Weg des geringsten Widerstands. Ich konnte dieses Jahr aus beruflichen Gründen das Festival del Film Locarno und das Zurich Film Festival miterleben. Ich hatte an beiden Orten tolle (Film-)Erlebnisse. Doch hätte ich mich privat für eines von beiden entscheiden müssen – es wäre Zürich gewesen.