Es gibt nichts ernst zu nehmen hier: Alles, was folgt, ist lustig gemeint. Denn Comedy – aus dem Griechischen Kωμωδία – präsentiert Inhalte so, dass das Publikum zum Lachen gebracht wird. Falls ihr dies nicht gelingen sollte, bleibt es trotzdem Comedy. Logisch. Nur, weil ein Penalty nicht versenkt wird, heisst er ja auch nicht anders. Wenn also etwas unter dem Label «Comedy» läuft, ist es lustig gemeint; egal, ob es so

ankommt oder nicht. Und «lustig» ist das Gegenteil von «ernst gemeint». Wenn ich hier also beispielsweise behaupte, dass der Glühwein sämtlicher Schweizer Weihnachtsmärkte aus gebrauchten Anti-Geruchs-Schuheinlagen aufgekocht wird, ist dies nicht so gemeint, wie es hier geschrieben steht, sondern so, wie der Titel will, dass es verstanden wird. Nämlich lustig. Mit anderen Worten: Alles, aber auch wirklich alles, was unter dem Label Comedy läuft, darf nicht ernst genommen werden! Comedy = lustig. Ok? Wir verstehen uns. Prima, dann kann ich ja loslegen.

Comedy kann alles und Comedy darf alles – heisst es

«Wer unter der Dusche singt, ist besser im Bett!» – «Nur abstinente Schwule dürfen Blut spenden!» – «Milliardär Urs E. Schwarzenbach: ‹Im Grossen und Ganzen geht es mir schlecht.›» – «Sie feiern den Zibelemärit und wissen nicht, warum.» – «Zuckerrüben rollen über Trottoir vor Zuckerfabrik.» – «Donald Trump» – «Vladimir Putin» – «FCZ» – «UBS» – «#tbt» – «#qed». Ich weiss: Das sieht alles irgendwie nach Nachrichten aus, nach Schlagzeilen aus irgendeiner Gratiszeitung oder dem lauten Internet. Aber vergessen Sie den Titel nicht! Lassen Sie sich Ihre Zweifel nicht anmerken, sonst machen Sie sich womöglich lächerlich. Es ist Comedy. – Also lustig.

Alles ist Comedy. Comedy kann alles und Comedy darf alles – heisst es. Und ich würde Letzteres sogar unterschreiben. Mit einer einzigen Ausnahme, allerdings: Sich über Schwächere lustig zu machen, ist nicht lustig. Überhaupt rein ganz und gar nicht. Null. Sich über Schwächere lustig zu machen, zeugt von einer Sorte Rücksichtslosigkeit, die ich nicht gutheissen kann. Solcherlei «Humor» tut nämlich nichts anderes, als sich darauf zu feiern, dass der Comedian (ja, es sind meistens Männer, die diese Art Humor verbreiten) in seinem bisherigen Leben mehr Glück hatte als die, über die er herzieht. Kein besonders edles Unterfangen und schon gar nichts, worauf man sich feiern lassen und eine Karriere aufbauen sollte.

Wer Schwächere auf die Schippe nimmt, ist schwach; gegen unten Austeilen war schon auf dem Pausenplatz scheisse. Lustig ist, wer sich an die Grossen traut. Ricky Gervais, zum Beispiel, der erfolgreichste Comedian der Gegenwart, ist lustig, weil er sich als unbedeutender englischer Komiker vor die versammelten Superstars Hollywoods stellte und sie derart heftig (und gekonnt) einseifte, dass der ganzen Welt die Spucke wegblieb. Von unten nach oben: Das ist die wahre Kunst der grossen Comedians. Und wenn ich jetzt schreibe, dass ich das todernst meine, dann steht das zwar hier, aber die Überschrift macht, dass Sie es trotzdem anders verstehen – nämlich lustig.

Wer Comedy macht, kann locker Halbwahrheiten verbreiten

Comedy kann alles. Deshalb ist sie so beliebt. Wer Comedy macht, braucht sich nicht abzusichern, kann locker Halbwahrheiten verbreiten, von Fettnäpfchen zu Fettnapf stolpern, seine Crème-Torten wahllos durch die Gegend schleudern und seine Best-of-Soiniggel-Videos vors klickgeile Publikum werfen – alles weder Aufwand noch Problem. Darum auch dieses inflationäre Ausschildern überall, vermute ich. Wann immer jemand auf Biegen und Brechen lustig sein will, hängt er das Comedy-Label über seinen Kopf und schon ist er lustig. Easy. Nur, weil das so einfach ist und es alle tun, wird’s bald einmal so viel dieser Comedy geben, dass sie belanglos wird. Und nervig. Darauf freue ich mich, gegenwärtig, denn dann ist endlich fertig irgendwie-halt-doch-nicht-ganz-lustig. Goodbye, Comedy – willkommen zurück, Humor!

Und wenn Sie bis hierhin nie gelacht oder wenigstens geschmunzelt haben, liegt das nicht an Ihnen, sondern daran, dass es hier nichts zu lachen gibt. Denn guter Humor braucht weder Etikett noch Schenkelklopfer, sondern Haltung und Mut. Guter Humor ist ernst gemeint. Und er macht, zum Glück, so viel Arbeit, dass sie der Schwache nicht lange stemmen wird.

* Reeto von Gunten ist selbstständiger Autor und Künstler, mit seinen Lesungen schweizweit auf Kleinkunstbühnen unterwegs und die Stimme des Sonntagmorgens auf SRF3.