Angela Merkel ist seit 13 Jahren Kanzlerin. Jogi Löw seit 12 Jahren Bundestrainer. Eine ganze Generation kennt Deutschland nur mit dieser Doppelspitze. So mancher Vorpubertäre wird gar nicht wissen, dass, zumindest in der Theorie, auch jemand anders das Land regieren könnte. Geschweige denn die Nationalmannschaft.

Dass die Ära „Jogela“ erfolglos blieb, kann nun niemand ernsthaft behaupten. Jubeln konnten beide, Merkel und Löw, manchmal sogar zusammen. Und mit ihnen das ganze Land. Was wurde nicht gefeiert, während des Sommermärchens 2006; als Weltmeister 2014; als Merkel die Flüchtlinge rettete 2015. Ob Jogi anrief, um zu gratulieren?

Auf so viel Gegenseitigkeit beruht die Beziehung der beiden wahrscheinlich nicht. Unvergessen dagegen das Bild der Kanzlerin in der Weltmeisterkabine. Unvergessen auch ein Vorzeige-Secondo namens Mesut Özil, der zu den besten Zeiten der Nationalmannschaft als Paradebeispiel für gelungene Integration taugte.

Löw, zu dieser Zeit gefühlt Merkels Staatspräsident, Aussenminister und Fussballgott in Personalunion, schaukelte die Deutschen acht Jahre lang hoch in Richtung Exstase bis zum absoluten Höhepunkt, als Schürrle flankte, Götze schoss und das Land sich in den Armen lag.

Merkel ihrerseits hatte Deutschland zuvor sicher durch die Finanzkrise geführt und ein allgemeines Gefühl des Wohlseins geschaffen, das es den Deutschen erst erlaubte, nach dem Sieg in Rio so unbeschwert zu eskalieren.

Hätten Löw und Merkel damals im Juli 2014 geahnt, wie die nächsten vier Jahre laufen werden – das Siegerlächeln wäre ihnen im Gesicht eingefroren.

Der Vorzeige-Secondo posiert jetzt mit Erdogan

Heute ist Löw immernoch Nationaltrainer. Und Merkel Kanzlerin. Doch beide sind es irgendwie nur noch auf Abruf. Denn in den vergangenen vier Jahren hat sich vieles verändert in Deutschland. Ausgelassen gejubelt wurde schon länger nicht mehr – den kollektiven Aufschrei der Erleichterung nach Toni Kroos‘ Freistoss gegen Schweden in der 95. Minute einmal ausgenommen.

Die Fussball-WM ist für den Weltmeister vorbei, bevor sie richtig angefangen hat. Das Aus in der Vorrunde. Gruppenletzter. Wie zu den Unzeiten Erich Ribbecks „Rumpelfüsslern“ (EM 2000). Erfolge in der Champions League sind auch schon eine Weile her.

Fast unbemerkt ist Deutschland in eine kaum noch für möglich gehaltene Fussball-Tristesse geschlittert. Vorzeige-Migrant Özil posiert jetzt mit Erdogan. Und über Flüchtlinge freut sich auch kaum noch wer. Es ist grau geworden im Sommermärchen-Land.

Merkel und Löw scheint es an Kraft zu fehlen, daran etwas zu ändern. Mit den Jahren ist die Doppelspitze stumpf geworden. Das ist in diesen Tagen klar zu sehen. Während eine Horde quirliger Mexikaner über Jogis alternde Löwen herfiel und noch quirligere Südkoreaner ein paar Tage später die Reste verspeisten, knöpft sich ein wildgewordenes Rudel Bayern derzeit Merkel vor.

Das hätte es vor vier Jahren nicht gegeben. Da hätte Merkel noch zurückgebissen. Ein Schweinsteiger hätte auf den Tisch gehauen, die Koreaner abgeschüttelt wie lästige Fliegen und nebenher noch einen Brasilianer gefrühstückt.

Vom sanftmütigen Helden zum hässlichen Deutschen

Doch heute liegt 2014 eine gefühlte Ewigkeit zurück. Auf seine alten Tage hat Löw „Die Mannschaft“, wie sie sich aus Marketing-Gründen nennt, ähnlich müde gemacht wie Merkel den Rest des Volks.

Und mit der Euphorie ist der Anstand gleich mit über Bord gegangen: Hatten die Helden von 2014 nach dem 7:1 im Halbfinale noch die tot-traurigen Brasilianer getröstet und sich so nicht nur den sportlichen Respekt aus aller Welt verdient, stürmt heute der leicht untersetzte „Mediendirektor Bewegtbild“ gemeinsam mit dem „Büroleiter Nationalmannschaft“, beide im Partnerlook, nach dem Last-Minute-Sieg im Gruppenspiel gegen Schweden in Jubelpose und mit verzerrtem Gesicht auf die Ersatzbank des Gegners zu. Ein bezeichnendes Bild. In vier Jahren vom sanftmütigen Helden zum hässlichen Deutschen.

Der Anfang vom Ende der Ära Merkel wird schon seit längerem herbeigeschrieben. Dass die Ära Löw nun möglicherweise noch früher endet, hätte allerdings kaum jemand für möglich gehalten. Aber nun ist es, wie es ist. Wenn Löw jetzt geht, geht er als Held. Trotz des Ausscheidens in Russland. Bei Merkel liegt der Fall etwas anders – aber auch nur, weil der Fussball in einer anderen emotionalen Liga spielt als die Politik.

Auch Merkel hat ihre Verdienste. In der Geschichte des Landes haben beide grosse Spuren hinterlassen.

Fussball und Politik, das geht manchmal doch ganz gut zusammen. „Jogela“ sind der Beweis. Deshalb sollten sie jetzt konsequent sein. Rücktritt auf einer gemeinsamen Pressekonferenz – das hätte was. «Ich danke dir, Angela, für deinen Dienst am Land.» – «Ich danke dir, Jogi, für deinen Dienst am Volk.» Und tschüss.

Zumindest einen Nachfolger könnte man direkt im Anschluss präsentieren, denn an Jürgen Klopp führt jetzt kein Weg mehr vorbei. Und einen Bundestrainer wird man sicher auch bald finden.

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