SBB-Doppelstöcker

Zu wenig Platz im Familienwagen: Der Zug der Schildbürger

ei der Planung ging aber vergessen, dass Eltern mit Kleinkindern meist mit Kinderwagen unterwegs sind – und die Gefährte während der Bahnfahrt irgendwo verstauen müssen.

ei der Planung ging aber vergessen, dass Eltern mit Kleinkindern meist mit Kinderwagen unterwegs sind – und die Gefährte während der Bahnfahrt irgendwo verstauen müssen.

Die Mängelliste des neuen SBB-Pannenzugs wird um einen Punkt verlängert. er Doppelstockzug FV-Dosto ist zwar mit einem Familienabteil samt Rutschbahn ausgestattet, auf der Toilette steht ein Wickeltisch zur Verfügung.

Ein Schildbürgerstreich geht so: In Schilda wird ein Rathaus gebaut, allerdings vergisst der Architekt die Fenster, und so ist es stockdunkel im stolzen Gebäude. Die Schildbürger wissen sich zu helfen: Sie versuchen draussen Licht mit Säcken einzufangen und es ins Innere zu tragen. Die jüngste Episode der Pannenserie beim neuen SBB-Doppelstöcker FV-Dosto hört sich ähnlich an: Es wird ein topmoderner Zug mit Familienabteil gebaut, aber die Ingenieure vergessen, ausreichend Platz für Kinderwagen einzuplanen. Die SBB wissen sich zu helfen: Familien sollen doch Passagiere auf aufklappbaren Sitzen bitten, aufzustehen, und dann dort die Kinderwagen parkieren. Dieser Streich geschah nicht in Schilda, sondern in Bern, wo die SBB ihren Sitz haben, und in Villeneuve VD, wo Bombardier die Dosto-Züge fertigt.

Man könnte nun einwenden: Es ist Jammern auf hohem Niveau, wenn sich Familien darüber ärgern. Sollen die sich doch freuen, dass der Dosto überhaupt ein Familienabteil hat! So einfach ist es nicht. Als die SBB den Zuschlag für die teuerste Zugsbestellung aller Zeiten – rund 2 Milliarden Franken – nicht dem Schweizer Hersteller Stadler Rail gaben, sondern dem kanadischen Konkurrenten Bombardier, hiess es: Das wird der modernste, beste und schönste Zug, den die Schweiz je sah. Diesen Anspruch erfüllt der Dosto weder im Grossen (massiv verspätete Auslieferung) noch im Kleinen (Schaukeln, Behinderten- und Familientauglichkeit) auch nur im Entferntesten. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: Wie kann im einst perfekt organisierten Bahnland Schweiz ein solches Debakel nur möglich sein?

patrik.mueller@chmedia.ch

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