Coronavirus

Wie viele sind es heute wieder? Warum die BAG-Zahlen wenig aussagen – wir sie aber trotzdem brauchen

Coronatests werden auch in der Schweiz täglich mehrere Tausend durchgeführt.

Coronatests werden auch in der Schweiz täglich mehrere Tausend durchgeführt.

Das Problem mit den Fall- und anderen Zahlen. Und warum wir nicht ohne Statistiken auskommen.

Heute meldet das BAG 234 neue Covid-19-Fälle. Das sind die positiven Tests, die dem Amt gemeldet werden.

Oft wird kritisiert, dass diese Zahl nicht viel aussage. Das trifft wohl zu. Aber es betrifft sicher etwas, was wir wissen möchten (mehr dazu unten). Und es ist eine absolute Angabe und eine konkrete Zahl. Wie viele haben das Virus? Wir addieren die Zahlen ja auch. Sie hängt natürlich nicht völlig in der Luft. Obwohl gewisse relationale Angaben aussagekräftiger sind.

Und jetzt die Relativierungen:

  1. Aktualität: Weil die Meldungen verzögert eingehen können, beziehen sich die Zahlen nicht immer auf die letzten 24 Stunden. Die Kantone haben manchmal andere Zahlen.
  2. Aussagekraft: Kritiker bemängeln, dass hier Leute darunter sind, die überhaupt keine oder nur sehr leichte Symptome aufweisen. Es handelt sich also nicht im eigentlichen Sinn um Erkrankte. Da aber auch Menschen ohne Symptome das Virus weitergeben können, ist die Zahl nicht sinnlos.
  3. Entwicklung: Will man die Entwicklung der Pandemie beobachten, wäre der Anteil positiv Getesteter an der Gesamtzahl der Tests aufschlussreicher. Diese Zahl dümpelte lange um 1 Prozent herum, ist aber wieder auf 3 bis 4 Prozent gestiegen. Die Anzahl der Tests war in den letzten Tagen einigermassen konstant (unter der Wochen zwischen knapp 6000 und etwas über 7000 Tests).
  4. Repräsentativität: Wir wissen nicht, wie die Menge der Getesteten zusammengesetzt ist. Sind es viele Heimkehrer aus den Ferien? Viele Junge? Viele ältere Personen? Eher vorsichtige? Ja nach Zusammensetzung kann die Positivitätsrate schwanken.

Bessere Indikatoren

Um zu erfassen, wie ernsthaft die Situation ist, wäre die Entwicklung der Zahlen der an Covid-19 gestorbenen Personen und der Patienten, die ins Spital mussten, aussagekräftiger. Diese Zahlen blieben in den letzten Tagen klein, obwohl die Zahl der positiv Getesteten leicht anstieg.

  1. Verzögerung: Wenn die Zahlen der Toten und der schwer Erkrankten ansteigen, ist es eigentlich schon zu spät. Ziel der Pandemie-Massnahmen wäre ja eben, diese Fälle zu vermeiden.
  2. Dunkelziffer: Wie gefährlich ist das Virus? Dafür gibt es zwei Zahlen: Die IFR (infection fatality ratio): Wie viele von den Infizierten sind gestorben (hier ist eine Dunkelziffer eingerechnet von Fällen, die nicht erkannt wurden; man geht aus von den Personen in der Bevölkerung, die Antikörper aufweisen)? Oder die CFR (case fatality ratio): Wie viele von den erkannten Fällen sind gestorben? Dieses Zahl ist sicherer, aber weniger relevant. Studien kommen auf eine IFR für Covid-19 im Bereich von 0,6%. Bei der saisonalen Grippe spricht man von einer IFR zwischen 0,1 und 0,2 Prozent.
  3. Sterblichkeit: Was man als sicher annehmen kann, ist, dass Sars-CoV-2 die Sterblichkeit im Alter erhöht. Das ist auch zu erwarten: Im Alter stirbt man leichter an einem Virus. Aber das Virus befällt nicht nur die Alten. Es gibt auch Todesfälle und schwere Verläufe unter jüngeren Menschen. Kritisiert wird aber auch, welche Todesfälle in die Statistik kommen. Gestorben wird nicht an Sars-CoV-2, sondern an Organversagen, welches das Virus uU verursacht. Sicheren Aufschluss könnte nur eine Autopsie geben. Die Zahlen, die jetzt in GB und den USA korrigiert werden, berücksichtigen den Umstand, dass alle Fälle, welche einen positiven Covid-Test in den letzten 30 Tagen vor dem Tod aufgewiesen hatten, als Covid-Todesfälle erfasst wurden, auch wenn sie zB in einem Unfall gestorben sind.

Vorsicht bei Zahlen – aber wir haben nichts Besseres

Handeln ist etwas tun, das sich auf eine Analyse der Situation stützt und im Hinblick auf ein Ziel geschieht. Das Ziel bei Covid-19 ist klar: Wir möchten die Kontrolle behalten. Wir wissen, dass wir das Virus nicht ausrotten oder ausschalten können, aber wir möchten die Folgen in einem beherrschbaren Rahmen halten. Wir dürfen besonders das Gesundheitssystem nicht überbelasten.

Bei der Analyse ist die Sache eigentlich auch klar: Am präzisesten Aufschluss über die Situation geben Zahlen. Zahlen kann man gut miteinander vergleichen, mit Zahlen kann man rechen (einen zukünftigen Verlauf extrapolieren, zum Beispiel).

So weit, so klar. Jetzt kommen die Probleme. Es stimmt nicht, dass man über Zahlen nicht diskutieren kann. Bevor Daten zu Zahlen werden, müssen einige Dinge geklärt werden. Zum Beispiel die Kategorisierungskriterien: Was wird gezählt und was nicht? Absolute Zahlen sind immer mit Vorsicht zu geniessen. Zahlen sind in Relation zuverlässiger. Covid-19, aber auch andere Situationen, die sich nicht ganz linear entwickeln, stellen die Frage: Was möchten wir wissen und was können wir wissen? Der Unterschied ist nicht klein.

Epidemien entwickeln sich nicht linear. Auch nicht gerade chaotisch, aber es ist schwierig, die vielen Faktoren, die hineinspielen, sauber auseinander zu halten. Am besten funktioniert die statistische Analyse, wenn die Zahlen hoch sind und möglichst wenig Faktoren hineinspielen. Das ist aber gerade die Situation, die man unbedingt nicht will. Man möchte kleine Zahlen, man möchte, dass sich die Leute «richtig» verhalten - und so das Virus in seiner Verbreitung «stören». Beides macht es auch schwierig, die Wirkung und Zweckmässigkeit von einzelnen Massnahmen zu bewerten.

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