Gastkommentar

Was ist Intelligenz? Und jetzt noch künstlich?

«Der IQ ist nicht vorherbestimmt, auch wenn wir das gerne glauben würden.» (Symbolbild)

«Der IQ ist nicht vorherbestimmt, auch wenn wir das gerne glauben würden.» (Symbolbild)

Die Künstliche Intelligenz, die man den Computern antrainiert, macht bisher aus ihnen bessere «One-trick-Ponys». Sie können meisterhaft Gesichter erkennen oder Schach spielen. «Richtige» Intelligenz braucht Kontextverständnis – oder aus der Warte des Computers: Welt. Wer Computern ein «Weltbild» einprogrammieren darf, hat allerdings viel Macht. Denn richtig intelligente Computer würden die Welt - frei nach Marx' Feuerbachthesen – nicht nur interpretieren, sondern wahrscheinlich ziemlich stark verändern.

Die EU hat ein Weisspapier «über Künstliche Intelligenz (KI)» veröffentlicht. Sie will vertrauenswürdige Künstliche Intelligenz fördern. Aber was ist künstliche Intelligenz? Wir wissen, was künstliches Licht ist, weil wir die Sonne kennen. Wir haben eine Idee von künstlicher Befruchtung, weil wir wissen, wie Sex geht. Aber was ist Intelligenz? Wer hat sie erfunden?

So genau lässt sich das nicht sagen. Sie bekam mit der Vermessung des Menschen aber viel Schub. Man war überzeugt, dass Menschen mit grossen Köpfen klüger sind als Menschen mit kleinen Köpfen. So dachte man sich das, bis Alfred Binet kam. Der Psychologieprofessor forschte an der Sorbonne in Frankreich. Am Anfang glaubte auch er daran. «Die Beziehung zwischen der Intelligenz von Messpersonen und dem Volumen ihres Kopfes ist sehr real und ohne Ausnahme von allen methodisch vorgehenden Forschern bestätigt worden. Die These der Korrelation zwischen Kopfgrösse und Intelligenz ist als unbestreitbar anzusehen», schrieb er noch 1898.

Dann begann er selber zu messen und erschrak: Die Ergebnisse stimmten nicht mit der These überein. Die Regierung wollte aber von Binet, dass er ein Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe man die Kinder ermitteln konnte, die in der Schule nicht mitkamen. Man wollte sie gezielt mit einer Sonderbetreuung fördern. Binet dachte sich eine Reihe einfacher, praktischer Tests aus. Für jede Altersstufe gab es unterschiedliche Tests. Danach wurde überprüft, wie weit ein Kind bei den Tests kam. So wurde eine Art theoretisches «geistiges Alter» ermittelt. Das zog man vom realen Alter ab. Es entstand der erste Intelligenztest, der Binet-Test.

IQ-Tests mögen irgendwas messen, aber sie sagen sicher nicht, jemand sei dumm

Später fand ein anderer Psychologe, das Vorgehen sei gut, aber das «geistige Alter» müsse durch das reale Alter dividiert und nicht abgezogen werden. Damit war der Intelligenzquotient (IQ) geboren. Eine Grösse, die über viele Menschen Unheil gebracht hat, weil man sie aufgrund von IQ-Tests für dumm erklärte.

Binet hatte schon zu seiner Zeit davor gewarnt. Er schrieb: «Es ist wirklich allzu leicht, Anzeichen von Zurückgebliebenheit an einem Kind zu entdecken, wenn einem das vorher gesagt wird.» Und er schrieb auch, dass alle Tests nur etwas über ein Kind im Moment des Tests aussagen würde. Er wehrte sich dagegen, Intelligenz als statische Grösse zu messen. Denn er wusste, wenn man sagt, ein Kind sei dumm, kann es auch dumm enden.

Der IQ ist nicht vorherbestimmt, auch wenn wir das gerne glauben würden. Denn wer aus der Unterschicht kommt, hat schlechtere Karten. Weil er oder sie schlechter ernährt ist, nicht dieselbe Förderung geniesst, nicht die richtigen Bücher liest oder nicht die richtige Sprache spricht. Bis heute misst kein IQ-Test Intelligenz, sondern spezielle kulturelle Fähigkeiten.

KI von heute ist nicht wirklich intelligent

Intelligenz ist ein schwabbliger Begriff wie Schönheit. Jetzt kommt noch die künstliche Intelligenz oben drauf. Wir wissen, dass die KI von heute nicht wirklich intelligent ist. Sie verarbeitet lediglich wahnsinnige viele Daten. Es sind sogenannte One-trick-Ponys – sie können nur den einen Trick, auf den sie trainiert wurden, Gesichter erkennen oder Schach spielen.

Die Leute, die heute an KI rumdenken, wollen aber mehr. Sie möchten, dass KI lernt wie Menschen lernen. Menschen lernen durch Kontext. Wir alle haben ein Abbild der Welt im Kopf. Das müssen wir uns mühsam aneignen und es ändert sich ständig.

Gary Marcus, ein US-amerikanischer KI-Spezialist, hat dieser Tage einen Essay publiziert, in dem er eine «robustere KI» vorschlägt. Er will die KI auf ein höheres Level heben, wie er das nennt. Die Programme sollen mit einem Modell der Welt gefüttert werden, damit sie dann dynamischer selber lernen können. Klingt logisch – so wie grosser Kopf gleich hohe Intelligenz. Vermutlich sind sie schon daran. Weil es zu verlockend klingt.

Wer aber immer den Computern ein Abbild der Welt einprogrammiert, wird viel Macht haben. Sie werden die Welt nicht nur interpretieren, sondern fundamental verändern.

Susan Boos ist Redaktorin bei der «Wochenzeitung». Bis 2017 war sie Chefredaktorin der WOZ.

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