PRO: «Ein überfälliges Gesetz für die Kreativen, für Kunst und Kultur»

Es kann nicht sein, dass sich in einer zivilisierten Welt die Mächtigen auf dem Buckel der Kreativen eine goldene Nase verdienen.

Stefan Künzli, Ressortleiter Kultur bei CH Media.

Stefan Künzli, Ressortleiter Kultur bei CH Media.

Zensur! Einschränkung der Meinungsfreiheit! Der Untergang von Start-ups! Das Ende des Internets!

Im Zusammenhang mit dem neuen Urheberrecht der Europäischen Union wurde mit harten Bandagen gekämpft und Panik verbreitet. Vor allem in Deutschland wurde viel behauptet, übertrieben und gelogen. Die digitalen Wutbürger operierten auch mit offensichtlichen Unwahrheiten und Untergangsszenarien.

Andere verhedderten sich in juristischen Details. Dabei ist der Sachverhalt eigentlich einfach: Das Urheberrecht, das aus der Zeit vor der digitalen Revolution stammt, hat riesige Lücken beim Schutz des geistigen Eigentums. Ob in der Europäischen Union, in der Schweiz oder sonst wo: Der Handlungsbedarf war und ist offensichtlich. Diese unhaltbaren Lücken müssen geschlossen und der heutigen, digitalen Welt angepasst werden.

Jahrelang haben Google, Facebook & Co. von den Kreativen profitiert, von journalistischen Inhalten und künstlerischen Leistungen. Sie haben ihre Quasi-Monopol-Situation ausgenützt und mit den Inhalten und Ideen der Urheber sehr viel Geld verdient. Umgekehrt haben sie die Medienwelt und ganze Kultur- und Kunstgenres erschüttert und in Existenznöte gebracht. Im Netz herrschte eine Art Raubtierkapitalismus. Die Macht des Stärkeren. Die Internetgiganten Google, Youtube haben diesen rechtsfreien Raum schamlos ausgenutzt.

Da scheint es mehr als zumutbar, wenn die digitalen Riesen die Uploads ihrer Nutzer prüfen und sich für allfällige Verletzungen des Urheberrechts auf ihren Plattformen verantworten müssen. Zu begrüssen ist es auch, dass die Kreativen endlich für ihre Leistungen entschädigt werden und die Gratis-Kultur zumindest eingedämmt wird.

Es wäre denn auch hier kein Unglück, wenn sich die Schweiz an diesem europäischen Urheberrecht orientieren würde. In einer zivilisierten Welt kann es nicht sein, dass sich die Mächtigen auf dem Buckel der Kreativen eine goldene Nase verdienen. Es war überfällig, dass die EU diese Wildwest-Mentalität in zivilisierte Bahnen lenkt, die Pistoleros entwaffnet und in Handschellen legt. Für die Urheber, die Kreativen, für Kunst und Kultur.

KONTRA: «Das Gesetz nützt nichts, schadet den Künstlern sogar»

Gegen eine faire Entlöhnung von Künstlern hat niemand was. Doch das neue Urheberrecht garantiert das nicht – im Gegenteil.

Raffael Schuppisser, stv. Chefredaktor bei CH Media.

Raffael Schuppisser, stv. Chefredaktor bei CH Media.

Natürlich sollen Künstler für ihr Schaffen auch im Digital-Zeitalter entlöhnt werden. Und natürlich kann es nicht sein, dass Google, Facebook und Co. von laschen Gesetzen profitieren und immer mächtiger werden, während andere Branchen ums Überleben kämpfen. Nur: Das neue Urheberrecht wird daran nichts ändern. Weder Künstler noch die Medienbranche werden durch das neue Gesetz zu neuen Einnahmen gelangen.

Derzeit ist es so, dass Songs, Filme und anderes urheberrechtlich geschütztes Material, das von Nutzern auf Plattformen wie Youtube oder Facebook geladen wird, wieder gelöscht werden muss, wenn der Verstoss erkannt wird. Neu müssen die Plattformen die Inhalte vorgängig prüfen; taucht dennoch urheberrechtlich geschütztes Material auf, können sie dafür haftbar gemacht werden.

Mag sein, dass dadurch einige Songs und Videos nicht mehr auf Youtube und Co. abrufbar sein werden. Doch das führt nicht automatisch auch dazu, dass die Nutzer deswegen auf andere Plattformen ausweichen und dafür bezahlen. Schon jetzt ist es so, dass viele sowohl Gratis-Dienste wie Youtube als auch kostenpflichtige Portale wie Netflix oder Spotify für ihren Medienkonsum nutzen. Wenn man ihnen einen guten Service bietet, sind sogar digital Natives bereit, für Inhalte zu zahlen.

Im schlimmsten Fall schadet das neue Gesetz den Künstlern und Medienunternehmen sogar: Allein auf Youtube werden 400 Stunden Videomaterial hochgeladen – pro Minute. Um die Videos zu kontrollieren, wird die Plattform nicht drum herumkommen, Upload-Filter einzusetzen. Diese erkennen Persiflagen und Zitate von geschütztem Material nicht und blockieren es. Doch genau davon lebt ja die Kunst, vom Spiel der Referenzen.

Vor allem aber scheinen die Künstler und die Medienbranche einen Grundsatz zu vergessen: Wer bekannt werden will, muss im Internet gefunden werden können. Wenn Songs von Künstlern nicht mehr auf Youtube auftauchen sollten, kann das dazu führen, dass ihre Alben und Playlists auf Spotify weniger gespielt werden. Und wenn Artikel von Medienportalen nicht mehr auf Google News gelistet sind, wird das zur Folge haben, dass weniger Leser auf ihre Portale geleitet werden.