Wenn Donald Trump tatsächlich ans Weltwirtschaftsforum kommt – ganz sicher kann man bei diesem sprunghaften Präsidenten ja nie sein –, dann wird er von der dort versammelten Wirtschaftselite mit stürmischem Beifall begrüsst werden. Das gebietet nicht nur die Höflichkeit gegenüber dem hohen Gast, das bewirkt auch der Celebrity-Effekt.

Top-Manager verhalten sich am WEF wie Teenager an einem Popkonzert: Die seltene Chance, einer globalen Berühmtheit ganz nahe zu sein, sie vielleicht sogar zu berühren, kann zu einer geradezu fiebrigen Entzückung führen. Wichtige WEF-Teilnehmer, die mit ihrem Handy neben noch wichtigeren Celebrities ein Selfie schiessen, sind im Kongresszentrum seit einigen Jahren ein vertrautes Bild.

Eigentlich wäre statt Applaus ja ein Pfeifkonzert zu erwarten – könnte man meinen, wenn man viele der Analysen liest, die diese Woche erschienen sind. Der protektionistische Präsident komme in die Hochburg seiner grössten Feinde, der heimatlosen globalisierten Manager-Kaste, hiess es etwa. Steve Bannon, Trumps ehemaliger Chefstratege, wurde zitiert, der das WEF einst als «Hort der feigen globalen Elite» bezeichnete. Doch mit Bannon, dem wildhaarigen Revolutionär in Kampfmontur, hat der gefönte Präsident mit der roten Krawatte bekanntlich gebrochen. Ja mehr als das: Trump hat Bannon vernichtet.

Nach seinen Aussagen im Buch «Fire and Fury» entschuldigte sich Bannon kleinlaut bei Trump – und verlor seinen Job beim rechtslastigen Onlineportal «Breitbart News» dann doch. Bannon wurde von allen Seiten fallen gelassen. Der Chef – das ist der Präsident. Und der sitzt fester im Sattel denn je, wie der «NZZ»-Korrespondent feststellte.

Wendige Geschäftsleute

In den USA ist der Widerstand aus dem Wirtschaftsestablishment gegen Trump zusammengebrochen. Anfänglich probten vor allem IT-Unternehmer aus dem Silicon Valley den Aufstand gegen den ungeliebten Präsidenten, inzwischen hat man sich mit ihm arrangiert. Geschäftsleute sind wendig. Der Stimmungsumschwung wird auch in Davos spürbar sein. Am letzten WEF, das kurz vor Trumps Inauguration stattfand, jagten sich warnende Worte: Der neue US-Präsident werde Amerika von den Weltmärkten abschotten und Handelskriege entfachen, wurde befürchtet. Die Folge könnte eine globale Rezession sein, hiess es an einer Diskussion hochdekorierter Ökonomen.

Den lautesten Applaus im Januar 2017 erntete der chinesische Staatspräsident Xi Jinping, der ein scheinheiliges Plädoyer für Freihandel und Globalisierung ablegte. Der Kommunist nutzte die Bühne, um sein Land der Davoser Gemeinschaft als die vernünftige, offene, liberale Supermacht zu präsentieren, die es mit der übrigen Welt nur gut meint. Xi Jinping tat das so freundlich, dass das Publikum ihm für einen Moment zu glauben schien.

Beste aller Welten

Hier gilt es mit einem Missverständnis aufzuräumen: Die von Bannon verdammten «Davos Men» – sie hassen Trump nicht. Sie mögen ihn als Person zwar nicht, dazu ist er zu simpel, zu rüde, zu unsympathisch. Aber seine Politik: Die ist durchaus im Sinn vieler der 1000 grössten Konzerne der Welt, deren Chefs sich im Landwassertal treffen. Denn der ungehobelte Trump setzt durch, wovon sie schon lange geträumt haben: Statt wie befürchtet die US-Wirtschaft abzuschotten, hat er eine neoliberale Agenda durchgedrückt.

Trump hat die Steuern für Reiche und für Unternehmen gesenkt, Märkte und Branchen dereguliert. Das im Wahlkampf versprochene keynesianische Infrastruktur-Programm hat er fallengelassen. Die illegale Einwanderung ist seit seinem Amtsantritt zurückgegangen – ohne Mauer –, doch die Unternehmen bekommen die nötigen Spezialisten aus Indien und anderswo her noch immer problemlos. Zurzeit ist es für US-Unternehmer die beste aller Welten. Es werden neue Jobs geschaffen, und die Börse erklimmt im Wochentakt neue Höchststände.

Trump ist Klaus Schwabs Gegenteil

Kurzum: Davos ist für Trump eher ein Heimspiel als die Höhle der Löwen. Doch da ist noch einer, zu dem Trump ganz und gar nicht passen will: Professor Klaus Schwab, Gründer des WEF. Schwab, bald 80-jährig, ist kein Neoliberaler, sondern ein Verfechter einer sozialen, ökologischen Marktwirtschaft, er hält ethische Prinzipien hoch und hat sein Forum in all den Jahren für «soziale Unternehmer» und Non-Profit-Organisationen geöffnet. Im WEF-Programm nehmen Klimaschutz, Armut, Ungleichheit und Gender-Themen breiten Raum ein.

Alles Anliegen, die Trump ignoriert oder verachtet – wie auch viele der WEF-Teilnehmer, die nicht zur Inspiration und Horizonterweiterung, sondern bloss zum Händeschütteln und Geschäftemachen nach Davos reisen. Klaus Schwab ist der personifizierte Gegenentwurf zu Donald Trump. Dank Schwab ist das WEF vielschichtiger, als viele seiner Kritiker, von Steve Bannon bis zu den Schweizer Juso, glauben.

patrik.mueller@schweizamwochenende.ch