Kolumne

Tourismus, bitte aufgeklärt

Gewisse europäische Städte werden von Touristen geradezu überrannt. Im Bild: Das Kreuzfahrtschiff MSC Preziosa in Venedig. (Archivbild)

Gewisse europäische Städte werden von Touristen geradezu überrannt. Im Bild: Das Kreuzfahrtschiff MSC Preziosa in Venedig. (Archivbild)

Die Publizistin Esther Girsberger schreibt in der neusten Ausgabe ihrer Kolumne zum richtigen Umgang mit Mobilität und Bildungsreisen in fremde Länder: «Der ökologisch nachhaltigste Tourismus ist der, der gar nicht stattfindet.»

Am 14. Juni ist Frauenstreiktag. Ebenso werden sich Jugendliche auf den Strassen ein weiteres Mal zum «Friday for Future» zum Klimastreik versammeln. Als engagierte Bürgerliche, die sich für Frauenanliegen einsetzt, erwarten Sie jetzt wohl eine Kolumne zum Frauenstreiktag. Ich muss Sie enttäuschen (oder allenfalls freut Sie das auch): Ich schreibe nicht über die Gleichstellung, sondern über den Klimastreik. Denn ich habe zwei Söhne, und mit ihnen diskutieren wir momentan sehr viel ausgiebiger über den Klimawandel als über Frauenanliegen. Der Frauenstreik istihnen trotz aufgeklärter Eltern verständlicherweise nicht so nahe wie der Klimastreik, schliesslich sind die Jugendlichen die Urheber der Klima-Bewegung.

Wir Eltern liessen uns insofern durch die Jugendwelle anstecken, als aus ihr nicht etwa ein Generationenkonflikt entstand, sondern eine weit über unsere Vernunft hinaus gehende Sensibilisierung. Eine Sensibilisierung, die anhält. Insbesondere, weil der Jüngere vor ein paar Wochen die Konfirmationsreise in Rom verbrachte, die Pfingst-Staus es wie jedes Jahr in die Nachrichten schafften, wir uns in Zürich auf eine geplante neue Verkehrsregelung einstellen, die den Schulweg unserer Söhne betrifft, und vor allem auch, weil die Sommerferien vor der Türe stehen.

«Mobilität» ist deshalb einer der am häufigsten verwendeten Begriffe bei unseren Abendessen. Um Mobilität ging es, als wir über die Umsetzung der EU-Waffenrichtlinie im Schweizer Waffenrecht diskutierten. Schliesslich war dadurch das SchengenAbkommen tangiert, das die Grenzkontrollen an den Binnengrenzen aufgehoben hat. Über Mobilität reden wir, wenn es um die Flughafenerweiterung geht, wenn wir über neue Bahn- und Strassenwege debattieren und wenn das Parlament regelmässig zusätzliche Gelder für alle möglichen Mobilitätsmassnahmen freigibt. So geschehen letzte Woche, als die Nationalräte nicht nur neue Bahnhaltestellen und neue Gleise für die Bahn beschlossen, sondern auch Gelder für neue Strassenprojekte sprachen. Und eben – sehr direkt geht es um Mobilität, wenn wir uns über die Ferienplanung unterhalten.

Jedermann hat das Anrecht auf Mobilität und sollte diese Mobilität auch nutzen. Reisen bildet, das bestreitet niemand. Angewandter Geschichtsunterricht und Staatskunde machen nicht nur in Europa Sinn, sondern auch in Kambodscha oder in den USA. Die Schattenseiten der Mobilität sind offensichtlich: Der Massentourismus bedroht Kultur und Einwohner – die «Aufstände» der Stadtbevölkerung gegenüber den Touristen in Barcelona etwa sind lebendiger Beweis dafür. Massentourismus ruft Terroristen auf den Plan – der Beispiele sind viele, angefangen beim Luxor-Anschlag im Jahre 1997. Und der ökologisch nachhaltigste Tourismus ist der, der gar nicht stattfindet.

Wie also dämmen wir die Nachteile ein, ohne auf die Vorteile zu verzichten? Welche Beschränkungen werten wir nach welchen Kriterien? Bei unseren Söhnen steht – was wir eigentlich ganz «gesund» finden – das finanzielle Kriterium weit oben. Nur: solange das Fliegen in vielen Fällen billiger ist als die Bahn, kommt man mit dem finanziellen Kriterium auch nicht viel weiter. Durch Verbote? Kein Thema, auch wenn unseren Söhnen die liberalen Überzeugungen noch nicht so nahe sind wie uns Eltern. Indem wir nur dorthin reisen, wo die Menschenrechte berücksichtigt werden und kein Sextourismus stattfindet? Bei unserer Iran-Reise vor ein paar Jahren stellten wir fest, dass Gespräche mit Einwohnerinnen und Einwohnern mehr bewirken können als ein Boykott durch Touristen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Wir haben die Lösung nicht gefunden. Aber es war die Sixtinische Kapelle, die einen einigermassen für alle Familienmitglieder stimmigen Konsens beim Thema «Mobilität» bewirkt hat. Auf der Konfirmationsreise besuchte der Sohn nämlich entgegen seiner Absicht nicht nur diese Kapelle des Apostolischen Palastes, sondern ausgiebig die ganze Vatikanstadt. So wie er bei der in der Fraumünster-Kirche stattgefundenen Konfirmation beobachtet hat, dass die Touristen nicht nur für den Eintritt einen Fünfliber bezahlen müssen, sondern eine ganze Führung durchlaufen. Entgegen ihrer Absicht, nur die berühmten Chagall-Fenster abzufotografieren, setzen sie sich über den romanisch-gotischen Kirchenbau ins Bild, die Orgel und die Glasfenster von Augusto Giacometti.

Wenn man nicht auf den Tourismus verzichten will, sollte man sich wenigstens als aufgeklärter Bürger in der Welt bewegen.

Die Autorin aus Zürich ist Publizistin, Moderatorin, Dozentin und Verfasserin mehrerer Bücher. Als Journalistin war sie unter anderem Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers». Die ausgebildete Juristin (Dr. iur.) ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media.

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