Kürzlich beim Nachtessen unter Freunden: drei von vier erzählen Geschichten über Arztbesuche und deren rasche Empfehlung zu einer Operation: Einer hatte Blut im Stuhl, der Arzt dachte sofort an eine Operation, Kostenpunkt 22 000 Franken. Den nächsten plagte eine Zyste auf der Niere, die Ärztin riet zu Ops; kein Problem hätte sie gesagt, sie haben ja noch eine zweite Niere. Dem Dritten wollte der Kardiologe einen Herzschrittmacher einpflanzen. Alle sind privat versichert, alle haben abgelehnt, allen geht es bestens.

Selbstverständlich sind die Beispiele willkürlich, aber unbestritten ist, dass die mittlerweile in verschiedenen Kantonen geforderten Mindestfallzahlen, die ein Spital aufweisen muss, um komplexe Operationen durchführen zu dürfen, zu einem Wettlauf um Patienten führt.

Das Recht, Mindestfallzahlen zu verordnen und damit die Zentralisierung vor allem der Spitzenmedizin zu fördern (um Kosten zu senken), obliegt den Kantonen. Schrittmacher für diesen Trend ist die Zürcher Gesundheitsdirektion. Im Kanton Zürich gelten folgende jährlichen Mindestfallzahlen pro Spital: Prostataentfernung 10, Unterleibskrebs 20, Brustkrebs 30, Ersatz einer Gelenkprothese 50. Dass Spitäler, die diese Mindestfallzahlen nur knapp erreichen, alles tun, um auf die geforderten Fälle zu kommen, ist nachvollziehbar. Entzieht die Gesundheitsdirektion einem Spital die Bewilligung für eine bestimmte Operation, verlieren Chirurgen und spezialisiertes Pflegepersonal den Job und dem Spital fehlen Umsätze und Erträge.

Der Kanton Zürich ist nun noch einen Schritt weiter gegangen. Seit Anfang 2019 gelten Mindestfallzahlen auch für einzelne Operateure. Nur wer bereits genügend Operationen durchgeführt hat, darf anspruchsvolle Operationen durchführen. Die Liste dieser Topchirurgen ist im Internet publiziert. Die Wirkung dieser öffentlichen Bekanntmachung von Starärzten erhöht den Druck auf die übrigen Chirurgen. Sie wollen es bei der nächsten Runde ebenfalls auf die Liste schaffen. Dazu müssen sie so oft wie möglich operieren können. Da Topchirurgen auch Privatpatienten operieren, führt dies im Privatsegment zu einer Kostensteigerung, denn die Nachfrage nach ihren Leistungen wird steigen. Wer will sich schon von einem zweitklassigen Arzt operieren lassen.

Mindestfallzahlen pro Operateur planen weitere Kantone, beispielsweise Solothurn, beide Basel, Thurgau oder Schaffhausen. Viele Kantone aber führen gar keine Statistiken über die Operateure, weshalb allein die Basis für Mindestfallzahlen pro Operateur fehlt. Dazu zählt auch der Aargau. Mindestfallzahlen lehnen vor allem Bergkantone oder solche mit viel ländlicher Bevölkerung ab. Je abgelegener ein Spital und je kleiner das Einzugsgebiet, desto schwieriger wird es, Mindestfallzahlen zu erreichen. Die Kantone aber sind für die medizinische Versorgung zuständig und bekanntlich ist der Protest gross, sobald eine Spitalschliessung geplant wird.

Das Problem der Mindestfallzahlen liegt an den starren, mit absoluten Zahlen festgelegten Bewilligungsgrenzen. Ob 50 Hüftgelenkprothesen pro Jahr zwingend nötig sind oder ob es in einem Jahr auch 40 sein können, ist logischerweise umstritten. Nun hat kürzlich der Direktor des Universitätsspitals Zürich, Gregor Zünd, in der NZZ auf einen wichtigen Zusatzaspekt der zentralisierten Spezialchirurgie aufmerksam gemacht und die Mindestfallzahlen hinterfragt.

«Gute Chirurgie ist keine Einzelleistung eines ‹Star-Chirurgen›, sondern eine Teamleistung, die in einem Spital erbracht wird», schreibt Zünd, übrigens ein ehemaliger Herzchirurg. Die Mindestfallzahlen seien nur ein Indikator für die Qualität der Behandlung und dienten als «einfacher politischer Hebel». Damit umschreibt der Mediziner, dass es eben nicht sinnvoll ist, alles über den simplen Leist der Masse zu schlagen. Er fordert deshalb eine vertiefte qualitative Beurteilung von Spitalleistungen. Zünd schlägt vor, eine nationale Stelle zu schaffen, welche unabhängig und faktenbasiert die Wirkung von Medizin, Behandlungsqualität und Patientennutzen der einzelnen Spitäler nach einheitlichen Kriterien misst. Er nennt eine solche Institution ein «Empa der Medizin». Das wäre also eine eidgenössische Prüfanstalt für die Medizin. Ein bedenkenswerter Vorschlag, der die Wogen um die Mindestfallzahlen glätten würde.