Niemand hat gern Besserwisser. Deswegen mögen es die meisten Leute nicht, wenn sie beim Reden korrigiert werden. Vor wenigen Tagen war ich in diesem Zusammenhang Zeuge des folgenden Dialogs: «Hast du es mitbekommen? Es soll jetzt eine Initiative geben, die ein Umbauverbot für Rusticos verlangt.» – «Das kann schon sein, aber es heisst nicht Rusticos, es heisst Rustici!»

Wäre die Sprache ein Auto, könnte man sagen, der Fehler bewege sich im Bereich des Feintunings. Wäre die Sprache ein Kleid, wäre der Fehler mit einem fast unsichtbaren Webfehler zu vergleichen. Anders gesagt: Wenn kümmert es, wie die korrekte Mehrzahl von Rustico lautet? Vermutlich gibt es ohnehin mehr als eine korrekte Mehrzahlform für dieses italienische Lehnwort.

Es verhält sich nämlich mit dem Wort Rustico wie mit der Pizza. Noch vor fünfzig Jahren waren beide Begriffe bei uns in der Deutschschweiz beinahe unbekannt. Dann begannen Deutschschweizer im Kanton Tessin kleine Stadel zu erwerben und in Ferienhäuschen umzubauen.

Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir diesseits der Alpen, dass die korrekte Bezeichnung für ein Steinhäuschen «Rustico» lautet. Wollte man von mehreren Häuschen sprechen, hängte man ein s an. Ähnlich pragmatisch wurde das Thema bei der Pizza gehandhabt. Sprach jemand in der Deutschschweiz von mehr als einer Pizza, hängte er ein s an und sagte «mehrere Pizzas».

Irgendwann hat jedoch die Mehrheit der Deutschschweizer Bevölkerung Italien oder das Tessin bereist und gemerkt, dass im italienischen Sprachraum bei mehr als einer Pizza von den «pizze» gesprochen wird. Daher begann man auf Deutsch von Pizzen zu reden. Man übernahm also die Originalform und hängte ein n an. Warum «Pizzen» korrekter sein soll als «Pizzas» entzieht sich jedoch meiner bescheidenen Sprachkenntnis. Wäre es, wenn das italienische Mehrzahlwort schon an die deutsche Sprache angepasst wird, nicht mindestens ebenso richtig, statt eines n ein s anzuhängen und von «Pizzes» zu reden?

Wir dürfen vermuten, dass uns jene Zeitgenossen, die uns sofort korrigieren, wenn wir «Pizzas», «Rusticos» oder «Espressos» sagen, bloss zeigen wollen, wie gerne sie etwas näher beim italienischen Lebensgefühl wären.

Ihre Abneigung gegen verdeutschte Mehrzahlformen italienischer Begriffe ist eine Abneigung gegen ihr eigenes Sein. Wie wenn jemand in den Spiegel schaut und das eigene Spiegelbild nicht erträgt.

Interessanterweise passiert uns dies bei einem italienischen Spiegel eher als beispielsweise bei einem französischen. Kein Mensch korrigiert einen, wenn man von «Omeletten» spricht. Dabei wäre die französische Mehrzahlform «omelettes».

Und selbst das sehr Deutsch ausgesprochene Wort «Pomes» (mit nur einem m) für die französischen «pommes frites», erfreut sich in unseren Gegenden einer besseren Akzeptanz als «Pizzas».

Wieso viele von uns gerade bei italienischen Begriffen keine Verdeutschung tolerieren, ist schwer zu verstehen. Capito?