Wolf Schneider hat ein langes Leben. Mittlerweile ist der Publizist des deutschen «Wirtschaftswunders», der noch Kriegsdienst geleistet hatte bei der Luftwaffe, 93 Jahre alt. Lange aber lebt Schneider sicherlich noch fort in der Art und Weise, wie Journalisten schreiben. Das hat er viele von ihnen gelehrt.

Die Sprache verbessert sich bei täglichem Üben von allein. Zeit ist die verlässlichste Richterin zur Qualität von Text. Ist etwas gut oder schlecht geschrieben? Man warte doch ein Weilchen. Schlechter Stil verfault wie Fallobst; guter Text bleibt makellos und frisch. Leider aber lässt sich die Sprache bei der Selbstreinigung Zeit, viel Zeit. Mit Wolf Schneider gewannen Journalisten sozusagen Zeit. Verfügten sie über etwas Talent, fingen sie mit zwanzig an und waren mit vierzig sprachlich ausgereift. Hielten sie sich an die Regeln Schneiders, sparten sie fünf Jahre und waren mit 35 reif.

Was man jedoch gewinnt an Zeit mit Lehren aus zweiter Hand, beeinträchtigt dann die eigene Handschrift. Die bildet sich nur auf einsamen Pfaden aus. Meist indem die Mängel früher Eigenwilligkeit zugeschliffen werden im Lauf der Jahre zu Säulen eines ureignen Stils. Nur die wenigsten stehen mit zwanzig schon im Zenit ihrer Sprachmacht. Georg Büchner etwa. Auf ihn verweist Schneider oft – auf eine Kunst, die man eigentlich nicht lernen kann.