Kommentar

Sorglose Bevölkerung: Menschen übertragen das Virus, nicht die Behörden

Fast alle tragen eine Maske: Pendler am Bahnhof in Lausanne.

Fast alle tragen eine Maske: Pendler am Bahnhof in Lausanne.

In der Schweiz werden wieder über 300 neue Corona-Ansteckungen pro Tag gezählt. Das hat auch mit Fehlern von Bund und Kantonen zu tun. Aber entscheidender ist die Sorglosigkeit der Bevölkerung.

«Es ist ein Marathon, kein Sprint»: Immer wieder schwor Bundesrat Alain Berset (SP) das Volk im Frühjahr mit diesem Sprachbild auf die lange und kräftezehrende Coronapandemie ein.

Wo befinden wir uns heute in diesem Marathon? Angesichts der vielen offenen Fragen zum Virus, dessen Verbreitung, zu Therapien und Impfstoffen lässt sich dazu keine exakte Kilometerzahl nennen. Diese Ungewissheit ist belastend.

Als Gesellschaft, die gerne jegliches Risiko vollkaskoversichert, die Krankheit und Tod in Altersheime und Spitäler ausgelagert hat und mit Vorliebe verdrängt, dass sie zum Leben gehören, macht uns diese Ungewissheit Mühe. Dass es sie gibt, kann man nicht den Behörden anlasten. Nicht dem Bundesamt für Gesundheit. Nicht den Kantonen. Doch sie sind verantwortlich für das Management der Ungewissheit und die Kommunikation darüber.

Und hier passieren krasse Fehler. Im Kampf gegen das Virus wären etwa umfassende, schnell aufbereitete und für alle zugängliche Daten eminent wichtig. Doch gewisse Behörden befinden sich auch 178 Tage nach dem ersten bestätigten Coronafall in der Schweiz noch im Faxzeitalter. Das ist unverzeihlich.

Die Kantone waren nach dem Ende der ausserordentlichen Lage im Juni teilweise erschreckend schnell überfordert mit ihren neuen Verantwortlichkeiten. Ihr Contact-Tracing geriet rasch an die Grenzen. Auch wenn immer noch zu viele Fehler passieren: Dass die Fallzahlen schon länger zwar stetig, aber nicht exponentiell ansteigen, ist ein Anzeichen für den grossen Effort, den sie beim Contact-Tracing leisten.

Mit Basel-Stadt hat diese Woche der erste Deutschschweizer Kanton die Maskenpflicht in Läden eingeführt. Ein wichtiges Signal: Auch diesseits der Saane muss man bereit sein, auf die sich zuspitzende epidemiologische Lage angemessen zu reagieren.

Doch am Ende übertragen nicht Behörden das Virus, sondern Menschen. Die Bevölkerung ist, auch wegen schlechter Behördenkommunikation, sorglos geworden. Jetzt müssen wir dringend die nötige Disziplin wiederfinden, um das Virus zu stoppen. Wie ein Marathon ist das ermüdend. Aber die Ziellinie, sie kommt.

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