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So hat Heimat auch Zukunft

Der Wakkerpreis ist mehr als eine Auszeichnung des Heimatschutzes. 2020 erhielt ihn nun Baden für seine vorbildliche Stadtentwicklung. Der Preis wirkt auch auf andere Städte. Wohltuend.

Woran denken Sie, wenn Sie Heimatschutz hören? An wunderbar renovierte Altstadthäuser, putzige Stöckli mit Geranien, an prachtvolle, gepflegte Stadtpalais und Landhäuser. Aber wohl auch an Vorschriften, ans Bewahren und an Behinderungen von Neuem. Nun vergibt der Schweizer Heimatschutz alljährlich den Wakkerpreis und entkräftet mit dem Fokus auf zukunftsgerichtetes, vorbildliches Planen unsere Vorurteile. Welch schöner Widerspruch! Und welch raffinierte Idee, ausgerechnet von einem Verein mit dem Namen Heimatschutz.

Am Dienstag ging der diesjährige Wakkerpreis an Baden mit der Begründung: «Der innere Stadtkern ist heute vom Auto befreit, Strassen und Plätze mit hoher Aufenthaltsqualität machen das Zentrum lebenswert, historische Garten- und Parkanlagen werden sorgsam gepflegt, und in den Entwicklungsgebieten entstehen neue öffentliche Freiräume.» Drei Begriffe stechen ins Auge: vom Auto befreit, lebenswertes Zentrum und öffentliche Freiräume. Im Gegensatz zu früher – und auch dank des Wakkerpreises – sollten das Kernpunkte jeder zeitgemässen Stadtplanung sein. Genährt von der Erfahrung, dass nicht Einzelbauten eine Stadt prägen und ihre Qualität garantieren, sondern das grosse Ganze. Das Zusammenspiel von Gebautem und Freiräumen, die Durchlässigkeit und die wohltuende Abwechslung von unterschiedlich anmutenden Quartieren. Oder anders gesagt: Ob eine Stadt ihre primären Funktionen erfüllt und trotzdem menschlich ist. Ob sich die Menschen also in diesem Wohn- und Arbeitsumfeld wohl fühlen, ob sie hier gerne einkaufen und ihre Freizeit verbringen. Diese Werte sind kaum objektiv messbar, und sie lassen sich nur schwer mit Zahlen und präzisen Vorgaben planen. Kommt dazu, dass sie dem Siedlungsdruck durch eine wachsende Bevölkerung und der sinnvollen wie notwendigen Verdichtung zu widersprechen scheinen. Ein Widerspruch, dem Baden mit seiner Nähe zu Zürich, seinem engen Siedlungsgebiet und als Verkehrsknotenpunkt besonders ausgesetzt ist.

Vorbildhaft ist, dass die Stadt in Entwicklung investiert

Man kann sehr wohl diskutieren – oder gar zweifeln –, ob die Gestaltung der Plätze (Trafo- und Theaterplatz), die in der Begründung für den Wakkerpreis erwähnt werden, tatsächlich glücklich gestaltet sind. Vorbildhaft und für andere signalhaft ist aber, dass die Stadt Freiräume will, sie der Bebauung entzieht, dafür rundum Verdichtung nicht nur erlaubt, sondern fordert und fördert. Baden ist als Arbeits- und Wohnort begehrt, wer dort eine Wohnung sucht, spürt das schnell. Wachsen kann die Stadt aber (fast) nur nach innen. Dass sie dabei Plätze und Pärke nicht nur schützt, sondern aufwertet und schafft, würdigt der Heimatschutz: «Das Bekenntnis der Stadt, in Entwicklungsarealen auch dort zu investieren, wo nicht in erster Linie zusätzliche gewinnbringende Nutzflächen zu erwarten sind, ist vorbildlich für Siedlungsentwicklungen in der ganzen Schweiz.»

Freiräume sind zum Thema geworden

Nicht nur der Wakkerpreis, sondern auch die Planer haben in den letzten Jahren die öffentlichen Freiräume in den Fokus gerückt. Selbst das Architekturstudio Basel der ETH hat 2015 seinen Schwerpunkt auf das «Nicht-Gebaute» gelegt. Eine «List», wie Jacques Herzog schrieb, um das herkömmliche Denken in der Raumplanung zu überwinden.

Selbstverständlich zählt für die Vergabe des Wakkerpreises auch, ob ein Ort sorgfältig und bedacht mit seiner Vergangenheit umgeht. Aber im Gegensatz zur Unesco, die bei den Auszeichnungen zum Weltkulturerbe jegliche Veränderung strikte verbietet und sie mit Entzug ahndet, zeichnet der Schweizer Heimatschutz zukunftsträchtiges Planen, überlegtes Verändern und Entwickeln gar aus. Der Vergleich mag etwas grossspurig erscheinen, aber er illustriert die besondere Sicht und grosse Wirkung des Wakkerpreises. Glücklich ein Land, in dem Heimat nicht einfach die Sehnsucht nach dem Alten meint, sondern in dem der Heimatschutz mit an der Zukunft baut.

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