Kolumne

Skandalisierungen: Besorgnis über Missstände oder Anlass zur Volksbelustigung?

Klare Schieflage: Auch die Raiffeisenbank hatten ihren Vinzenz-Skandal.

Klare Schieflage: Auch die Raiffeisenbank hatten ihren Vinzenz-Skandal.

Auch nur gelegentlicher Medienkonsum verhindert nicht, dass man ihnen begegnet, denn sie lauern überall: die Wirtschaftsskandale. Von «Swissair» über «USA Steuerstreit» und «Abzocker» hin zu «Vincenz versus Raiffeisen» sowie «Postauto». Etwas erscheint faul oder faulig, wenn Grossunternehmen als kriminelle Organisationen betrachtet werden (müssen). Skandale über Skandale über Skandale, gerade in der Wirtschaft – doch ist dies wirklich so?

Ist jeder «Skandal» ein Skandal? Oder handelt es sich – wenn überhaupt – um «Skandälchen»? Wie wird ein Skandal zum Skandal? Wie viel echte Besorgnis herrscht vor und wie viel Selbstgerechtigkeit der Kritiker? Welche Rolle spielen die Medien und die Behörden (sowie die Politiker)? Ist die «Skandalitis» real, oder werden «Skandale» allenfalls aus niederen (Neid-)Trieben herbeigeredet oder -geschrieben, als Volksbelustigung über den «Fall der Mächtigen»?

1. Emotionales Publikum:

Die Medien werden nicht vertieft über «Skandale» berichten, wenn das Publikum sich nicht dafür interessiert. Ein solches Interesse kann insbesondere durch Emotionen geweckt werden, seien diese positiv oder negativ. Die Medienkonsumenten sind beispielsweise überrascht («Was, das hätte ich nie gedacht!») oder sehen sich in ihren Vorurteilen bestätigt («Das ist ja wieder einmal typisch, alles Kriminelle!»). Solche Vorurteile erklären – zumindest teilweise – die «Skandale» bei «bösen» Grossbanken, aber auch bei «netten» Sympathieträgern wie Postauto oder Raiffeisen.

2. Prominente Personen:

Interesse und Emotionen bestehen bei bekannten Persönlichkeiten, als (angebliche) Täter oder Opfer. Wirtschaftspromis aus dem TV sind spannend, umso mehr, wenn sie Millionensaläre beziehen («Alles nur Abzocker!»). Es gilt geradezu das Motto: «Je prominenter, desto skandalträchtiger», es kann von einer eigentlichen «Promi-Falle» gesprochen werden. Den früheren CEO von Raiffeisen – als Beispiel – kennt wohl fast jedermann, anders den aktuellen Bankpräsidenten der SZKB (Schwyzer Kantonalbank).

3. Bekannte Unternehmen:

Prominenz stellt einen Skandalfaktor nicht nur bei Personen, sondern auch bei betroffenen Unternehmungen – auf Täterseite oder auf Opferseite – dar; es kann schon fast behauptet werden: «Je SMI, desto Skandal». Und nicht nur echte, sondern auch Schein-Skandale können das teuer aufgebaute Image zerstören, ja Unternehmungen sogar ruinieren (Stichwort: Arthur Andersen).

4. Fallhöhe:

Für Mittelmanager und für subalterne Mitarbeiter interessieren sich weder Journalisten noch Medienkonsumenten, sondern einzig Staatsanwälte. Wirklich interessant wird es beim Topmanagement von Publikumsgesellschaften, also bei CEOs und bei Verwaltungsratspräsidenten, die nebst dem Job zusätzlich die Freiheit verlieren könnten («Der mit seinen Millionen hat es nicht anders verdient!»). Die Fallhöhe in der Schweiz ist indes nicht vergleichbar mit den USA: Der 81-jährige Bernard L. Madoff sitzt momentan, wegen einem «Schneeballsystem», eine Haftstrafe von 150 Jahren ab.

5. Mediale Begleitung:

Ob überhaupt und wie intensiv die Medien über (vermutete) Skandale berichten, hängt von den erwähnten Skandalfaktoren ab. Und wenn viel Zeit und Energie für eine investigative Recherche aufgewendet wurden, «muss» ein Skandal vorliegen. Nach einem längeren Bericht wirkt die juristen-deutsche Zugabe «Es gilt die Unschuldsvermutung» manchmal wie ein Witz. Zudem werden Medien gelegentlich instrumentalisiert, beispielsweise durch Konkurrenten der «Täter».

Es liegt mir wirklich fern, echte Wirtschaftsskandale – und die gibt es, natürlich ebenfalls in der Schweiz – zu verharmlosen. Es läuft immer wieder einiges schief bei Unternehmen und bei Wirtschaftsführern. Unbesehen dessen sollten beim Anprangern von vermeintlichen Wirtschaftsskandalen etwas mehr Gelassenheit, stärkere Zurückhaltung und weniger Selbstgerechtigkeit vorherrschen: bei den Journalisten, bei den Politikern, bei den Experten – und nicht zuletzt auch beim Publikum!

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