Gastkommentar

Schule zwischen Elternaufrüstung und pädagogischer Autorität

Die Anzahl Rekurse, die jedes Jahr bei Schulleitungen und Behörden eintreffen, sprechen eine deutliche Sprache. (Archivbild)

Die Anzahl Rekurse, die jedes Jahr bei Schulleitungen und Behörden eintreffen, sprechen eine deutliche Sprache. (Archivbild)

Eltern engagieren sich immer mehr in der Schule für ihre Kinder. Gleichzeitig schwindet die pädagogische Autorität von Lehrerinnen und Lehrern. Wie mit diesem Problem umgegangen werden sollte, müsste diskutiert werden. Oft aber frisst der Umgang mit Problemeltern, die gleich mit der Kinderärztin oder dem Anwalt zum Elterngespräch erscheinen, Zeit, Motivation und Ressourcen.

Helikopter-, Drohnen-, Problem-, Kampf- oder Nörgeleltern. Die Liste ist lang, wenn es um die Beschreibung des Ehrgeizes von Mamas und Papas geht, welche gegen Noten, Hausaufgaben, Selektionsentscheide oder Schulhauszuteilungen kämpfen. Oft agieren sie nicht allein, sondern nehmen Kinderärztin oder Anwalt gleich mit zum Elterngespräch. Das Hauptproblem ist ihre Sorge, das Kind könnte scheitern oder unglücklich werden. Und das wäre für viele ein persönlicher Misserfolg.

Die Anzahl Rekurse, die jedes Jahr bei Schulleitungen und Behörden eintreffen, sprechen eine deutliche Sprache. Administrativ müssen Schulen genau dokumentieren, was sich wann weshalb ereignet hat und wie der Leistungsstand jedes Kindes ist. Eine Prüfung lediglich zu korrigieren und zurückzugegeben liegt nicht mehr drin, sie muss auch kopiert und abgelegt werden. Zudem lassen immer mehr Schulen Briefe, Prüfungsberichte oder Hausaufgaben unterschreiben, und wenn’s ins Klassenlager geht, müssen mancherorts Eltern ihr Einverständnis geben, dass die Tochter am offenen Feuer eine Wurst bräteln darf.

Der Rekurs ist ein wichtiges Gegenmittel zur Macht der Schule. Darum ist es falsch, die Schuld für Konflikte allein den Eltern zuzuschieben. Die meisten verhalten sich so, wie dies die Bildungspolitik seit den neunziger Jahren einfordert: Eltern sollen sich für die Schule interessieren und sich ihrer wichtigen Rolle bewusste werden. Heute ist Elternarbeit in den kantonalen Bildungsgesetzen verbindlich festgelegt. In der Standesregel 6 des Dachverbandes der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) verpflichten sich Lehrpersonen, mit Erziehungsberechtigten partnerschaftlich zusammenzuarbeiten, ihre Anliegen wahrzunehmen und sich offen für Gespräche zu zeigen.

Ihr einst eher passives Verhalten haben sie in ein aktives Engagement verwandelt, um den Nachwuchs mit enormer Anstrengung verteidigen zu können, während die pädagogische Autorität von Lehrerinnen und Lehrern dahinschwindet. Wie diese Autorität gestärkt werden könnte und wann Elternengagement zu gross, genügend oder ungenügend ist – das wären wichtige Fragen, die wegen der Konzentration auf Problemeltern in den Hintergrund gerückt sind.

Vergessen geht dabei, dass es nicht nur Problemeltern gibt, sondern auch solche, die Angst haben, als solche etikettiert zu werden. In unserer Familienstudie haben sich Mütter und Väter beklagt, in der Schule sei von ihrem mangelnden Engagement die Rede, weil sie ihre Kinder «nur» versorgen, im Sportverein oder der Musikschule anmelden, sie zur Schule schicken und ihnen eine intakte Familie bieten würden – aber nicht mehr.

Zwar waren sie schon vor zwanzig Jahren ein familiärer Krisenherd, aber heute ist die Situation bizarr. Viele Eltern büffeln täglich, damit der Sprössling mit fein herausgeputzten Hausaufgaben zur Schule kommt, Mama oder Papa jedoch mehr als nur ein bisschen Hilfe geleistet haben.

Im Lehrplan 21 steht zwar viel von Selbstverantwortung. Doch wie kann man Kindern beibringen, dass die eigene Leistung zählt, wenn es selbstverständlich geworden ist, ihnen permanent zur Seite zu stehen? Wo hört die Hilfe auf und wo beginnt das Schummeln? Möglicherweise werden Kinder, die ihre Hausaufgaben mit aktiver Elternhilfe erledigen, später als Student oder Studentin kaum Probleme sehen, wenn sie aus Wikipedia einfach abschreiben und ein solches Plagiieren als normal empfinden.

Was können wir daraus lernen? Dass den Kindern mehr Verantwortung übertragen werden soll und die Schule den ersten Schritt tun muss. Eltern sollen nicht via Hausaufgaben zu verordneten Paukern werden. Sie gehören als Auftrag der Lehrperson in den Verantwortungsbereich des Kindes. Es gibt leider auch Kantone, in denen Eltern gesetzlich verpflichtet sind, Hausaufgaben zu kontrollieren. Das macht es schwierig mit der kindlichen Selbstverantwortung. Und es behindert Lehrkräfte, die selbstverantwortetes Lernen im Unterrichtsalltag umsetzen möchten.

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