Kolumne

Sälber rüehme schtinkt!

Donald Trump in Begleitung von WEF-Gründer Klaus Schwab.

Donald Trump in Begleitung von WEF-Gründer Klaus Schwab.

Als Beni Thurnheer in die Schule ging, gab es nur einen, der von sich selbst sagen konnte: «Ich bin der Grösste»

Als ich noch zur Schule ging – das ist zugegebenermassen schon ziemlich lange her –, gab es unter uns Kindern ein paar Regeln. Eine davon lautete: Sich selbst zu rühmen ist ein No-go oder in der damaligen Formulierung «Sälber rüehme schtinkt!». Ich glaube, diese Ansicht wurde auch von den Erwachsenen geteilt respektive von ihnen gelehrt und durchgesetzt. Heute scheinen wir am anderen Ende der Fahnenstange angekommen zu sein. Jeder klopft sich auf die Brust wie ein Gorilla und brüllt: «Ich bin der Beste, die Nummer 1!» Was für ein Mentalitätswandel.

Boxer Muhammad Ali, als er noch Cassius Clay hiess, wurde für seinen Spruch «Ich bin der Grösste!» berühmt. Dies zu behaupten, war damals, vor rund 50 Jahren, eine absolute Unverschämtheit und die totale Ausnahme, eine aufsehenerregende Aussage von jemandem, der wohl nicht ganz dicht war im Oberstübchen, einem Boxer halt. Allerdings liess Clay seinen Worten Taten folgen, seine Anmassung wurde, zumindest im Boxring, Realität, die Kritik wich einer gewissen Bewunderung.

Welche Statistik macht mein Lokalradio zur Nummer 1?

Als Nächstes kommt mir der Kampf der Lokal­radios auf dem Platz Zürich um die überschaubare Menge an potenziellen Hörern in den Sinn. «Wir sind die Nummer 1!» – «Wir haben die beste Musikmischung!» – «Wir informieren am schnellsten». Während es im Boxen immerhin einen unbestrittenen Weltmeister gab, blieb es bei den Radios bei den Behauptungen. Bis heute findet jeder Sender im grossen Topf der Einschaltquoten diejenige Statistik, die es ihm erlaubt, «Wir sind die Nummer 1» in die Welt hinauszuposaunen, zum Beispiel bei den urbanen Hörern zwischen 15 und 35 Jahren mit höherem Bildungsniveau.

Sälber rüehme schtinkt? Im Gegenteil. Wer nicht angibt, geht anscheinend unter. US-Präsident Donald Trump fuhr mit grossem Aufwand ans WEF nach Davos, nur um dort eine Rede zu halten, in der er sich pausenlos selber lobte. Wenn der zu meinem Lehrer in die Schule gegangen wäre . . . ! Leute wie ich finden das oberpeinlich, anderen allerdings genügt es, dass Trump gegen alles «Linke» ist, um ihn schon gut zu finden.

Eine ganze «Rühme-dich-selber»-Industrie ist unterdessen entstanden, nämlich all die Werbebüros und PR-Agenturen, die den Unternehmen helfen, ihre Güter zu verkaufen. (Auch hier gibt es – nebenbei bemerkt – die selbst ernannte «Nummer 1 im Werbemarkt».) Im undurchsichtigen Brei von News und Fake News ist es heute besonders einfach geworden, irgendeine Höchstleistung anzupreisen, ohne sie genau beweisen zu müssen. Heute ist sich jeder selbst der Nächste, aber auch der Beste. Die Methoden sind unterdessen raffinierter geworden: A lobt nicht mehr sich selbst, sondern B, B lobt dafür C und C lobt im Gegenzug A.

Heute gilt: Wer sich nicht selber rühmt, wird nicht gerühmt

Ist das Sich-selber-Rühmen vielleicht auch eine Frage der nationalen Mentalität? Ein Schweizer erledigt seinen Job und vertraut darauf, dass es seinem Chef schon auffallen wird, dass er gute Arbeit leistet. Ein Deutscher oder ein Amerikaner weisen aber immer wieder auf ihre sauberen Leistungen hin, sonst kommt man ja nicht respektive viel zu langsam weiter.

Gespannt warte ich nun auf die Einschulung meiner Enkel-Generation. Ob es heute in der 1., 2. und 3. Klasse wohl immer noch heisst «Sälber rüehme schtinkt!»? Ich hoffe es. Offenbar wird es aber immer schwieriger, damit zu (über-)leben. Die meisten Vorbilder in Politik, Wirtschaft und Medien stellen sich heute leider anders dar.

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