Kommentar

Rücktritt des höchsten Protestanten: Die reformierte Kirche druckst herum

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Gottfried Locher, der höchste Reformierte der Schweiz, trat nach Vorwürfen zurück. Warum genau ist aber unklar. Die Kirche kommuniziert schlecht. Ein Kommentar.

Nun ist er weg. Gottfried Locher, der höchste Protestant der Schweiz, ist zurückgetreten. Er wolle damit ein Zeichen setzen, „damit sich alle Kräfte auf die Weiterentwicklung der Kirche konzentrieren können“, schrieb er. Offenbar geht es um„Grenzverletzungen“ gegenüber Frauen. So genau weiss man es nicht. Vieles bleibt im Ungefähren.

Muss man ihm Respekt zollen, weil er das Wohl der Kirche höher gewichtet als seine eigene persönliche Macht? Oder versucht er doch nur – aus Eigeninteresse –, mit seinem Rücktritt weitere wenig schmeichelhafte Schlagzeilen rund um ihn zu verhindern? Man weiss es nicht. Die Reformierte Kirche der Schweiz sagt dazu nichts. Gar nichts. Obwohl sie mit Steuergeldern finanziert wird, obwohl sie Hunderttausende Gläubige vertritt, die sich verwundert die Augen reiben. Seit Wochen liefert die Kirche eine blamable Kommunikationsvorstellung. Worum die schon länger schwelenden Vorwürfe gehen, warum ein anderes Ratsmitglied Knall auf Fall zurücktrat, dazu ist nichts zu erfahren. Alles bleibt bei vagen Andeutungen. Am liebsten will man gar nichts sagen. Das erstaunt: Wer sieht, welchen Imageschaden sich die katholische Kirche durch jahrelanges Schweigen holte, kann nur den Kopf schütteln.

Die Kirche ist nicht einfach eine Organisation. Sie ist für viele Menschen in diesem Land eine moralische Instanz. Und Gottfried Locher ist nicht irgendeine Person. Er vertrat diese Instanz. An sein Handeln richten sich besondere Ansprüche. Wenn er aufgrund von möglichen Grenzüberschreitungen und allenfalls wegen seines, schon zuvor in der Kritik stehenden Umgangs mit Frauen zurücktritt, dann bestehen berechtigte Interessen aller Gläubigen, die näheren Umstände zu erfahren.

Und vor allem sollte die ganze Angelegenheit noch aus einem anderen Grund thematisiert werden: Die ganze Kommunikation scheint auf den höchsten Protestanten selbst zugeschnitten zu sein, obwohl es um ihn geht. Was die anderen Exekutivmitglieder zu sagen haben, ob das demokratische Kirchenparlament überhaupt Macht hat, ist unklar. Diese Fokussierung auf den Chef ist auch ein Erbe der Ära des machtbewussten Gottfried Locher.

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