Gastkolumne

Pssst! Ich fahre wieder Ski

Bernard Thurnheer ist langjähriger Sportjournalist und TV-Moderator.

Bernard Thurnheer ist langjähriger Sportjournalist und TV-Moderator.

Beni Thurnheer bekennt sich als temporärer Schneesport-Aussteiger.

Diesen Herbst wurde mir bewusst, dass ich nun schon eins, zwei, drei, vier Jahre lang nicht mehr auf den Skiern gestanden bin. Wie lange fährt man eigentlich Ski? Wenn die Kinder nicht mehr zur Schule, und sowieso nicht mehr mit den Eltern in die Ferien fahren, ist ein erster kritischer Punkt erreicht. Es gibt dann keinen natürlich vorgegebenen Zeitpunkt in Form der Skiferien mehr.

Ich hatte die Skis zuletzt nur noch gemietet, und während der Zeit im Laden wuchs draussen die Wartekolonne vor der Bahn unangenehm schnell an. Und es gab ja noch so viele andere Sport- und Unterhaltungsmöglichkeiten! Aber jetzt, in diesem Dezember, vier Jahre später, habe ich mir nochmals neue Skis und Skischuhe gekauft! Heimlich und ganz alleine bin ich mit der Bahn hochgefahren und habe mich dauernd gefragt: Kann ich es noch? Werden meine Knie halten? Wird mich vor dem ersten Steilhang der Mut verlassen? Ich bin immerhin schon siebzig!

Die ersten paar hundert Meter waren denn auch eine eher wackelige Angelegenheit. Gut hat mich keiner gesehen. Dann aber lief es immer besser. Hurra! Ich kann es noch! Offenbar ist es wie beim Radfahren, man verlernt es nie. Und ich fühlte mich gleich zehn Jahre jünger – und bemerkte zahlreiche andere Senioren auf der Piste. Alles fährt Ski, auch die «Alten»!

Das Skifahren gehört irgendwie zur DNA der Schweizerinnen und Schweizer. Die Winterferien heissen bei uns Skiferien, und wer es sich leisten kann, fährt dann in die Berge. Denn nicht nur die Bewohner der alpinen Region, auch die Unterländer frönen diesem Sport mit Spass. Die Kinder werden dann in die Skischule geschickt, die praktisch überall hervorragend organisiert ist, sodass die Eltern wirklich Ferien haben, und nicht nur Kinderhütedienst an einem geografisch verschiedenen Ort.

Noch heute denke ich gerne an meine Skischulzeit zurück, und den Stolz, den ich empfand, als ich von der Klasse 1a in die Klasse 1b aufstieg und in den Wintern darnach sogar in die Klassen 2, 3 und 4. Weiter als 4b bin ich nicht gekommen, dafür fehlte mir das Talent oder auch einfach die Anzahl Skitage. Praktisch gleichzeitig mit Prinz Charles in Klosters bestand ich in Davos im gleichen Skigebiet den Bronzetest! Eine Generation später wiederholte sich das Geschehen, nun in meiner Rolle als Vater.

Der Klimawandel scheint die Schweizer nicht entmutigt zu haben, sondern sie sind sich ihres Privilegs, nahe an den Schneebergern zu wohnen, erst recht wieder bewusst geworden. Damit diese Kolumne nicht wie eine Anzeige der Ski-Industrie daher kommt, will ich nicht verheimlichen, dass dieser Sport doch ziemlich aufwendig, umständlich und teuer ist.

Es braucht Skis, Skischuhe, Skihosen (zwei Paar) und Skijacken (mindestens eine). Der Transport mit dem Auto benötigt manchmal einen Skiträger. Meines hat zum Glück ein Loch zwischen Kofferraum und Hintersitzen, dank dem man die Latten, sofern sie nicht länger als 1,80 m sind, elegant platzieren kann. Und die Tageskarte kostet mehr als die Autobahnvignette für ein ganzes Jahr! Unter tausend Franken pro Person geht gar nichts.

Spielen die Erfolge der Schweizer Rennfahrerinnen und Rennfahrer eine Rolle? Sicher! Doch wenn man sich etwas näher mit der Materie befasst, treten auch die Grenzen zutage. Wussten Sie, dass Feuz, Gysin und Co. zwecks idealer Skiführung am Start die Skischuhe so stark zuziehen, dass während des gesamten Rennens kein Blut mehr in die Füsse fliesst? Oder dass bei einer leicht verpatzen Landung nach einem Sprung, wenn die Skienden den Boden zuerst berühren, ein fürchterlich heftiger Schlag ans untere Schienbein erfolgt?

Die harmlos klingende Bezeichnung für die äusserst schmerzhafte Folge davon heisst Schuhrandprellung. Das alles muss natürlich im AHV-Alter nicht mehr sein. Das Knirschen des Schnees und das Rauschen des Fahrtwinds aber schon.

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