Selten hat sich das Schweizer Wirtschafts-Establishment in jüngerer Zeit derart über einen Topmanager enerviert. Egal mit wem man sich über die Fusion der beiden Spezialchemiekonzerne Clariant und Huntsman unterhielt, so kam unaufgefordert der Fernsehbeitrag des SRF-Wirtschaftsmagazins Eco zur Sprache. Darin inszenierte sich Clariant-Chef Hariolf Kottmann als erfolgreicher Architekt der Fusion zwischen dem Baselbieter Unternehmen und seinem US-Konkurrenten.

Pikant ist nicht nur der selbstherrliche Auftritt des 62-jährigen Deutschen, sondern auch das Timing. Der Beitrag wurde bereits am Vortag der Bekanntgabe produziert und am folgenden Tag ausgestrahlt. Damit stellt sich die Frage, ob die Spielregeln der Schweizer Börse verletzt wurden. Denn diese sehen eine Gleichbehandlung der Aktionäre vor. Alle müssen über börsenrelevante Entwicklungen einer Firma rechtzeitig informiert werden, ohne dass jemand einen ungebührenden Vorsprung erhält. Indem das Fernsehteam bereits am Tag vor der Bekanntgabe über die Geschehnisse Bescheid wusste, wurde möglicherweise die sogenannte Ad-hoc-Publizität verletzt. Dies prüft die Börse nun anhand einer Untersuchung.

Doch schlimmer als die mögliche Regelverletzung ist der Imageschaden für Clariant und Kottmann. Sein selbstherrlicher Auftritt kam in der Schweiz schlecht an. Denn hierzulande gilt Bescheidenheit noch immer als wichtige Tugend. Der Beitrag beginnt mit einer Szene vor dem Haus des Topmanagers oberhalb des Zürichsees. Kottmann steigt in eine Limousine ein, mit der er in ein Hotel in Zürich gefahren wird. Dort angekommen, gratulieren er und sein Pendant Peter Huntsman sich gegenseitig zur Fusion.

Der Beitrag geht im gleichen Stil weiter. Ein selbstzufriedener Kottmann lässt sich als künftiger Lenker eines neuen Chemiekonzerns mit 28 000 Mitarbeiter feiern. Der Beitrag erweckt den Eindruck, dass er die Fusion quasi im Alleingang aufgegleist hat. Der Verwaltungsrat muss am Ende das Vorhaben nur noch abnicken. Dazu passt, dass Clariant-Präsident Rudolf Wehrli nur als Randfigur vorkommt. Er bemühte sich nicht einmal, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Wieso die Kommunikationsabteilung den Auftritt ihres Firmenchefs nicht verhindert hat, wird für immer ihr Geheimnis bleiben. Schliesslich gab es in der Vergangenheit genügend Fälle missglückter Inszenierungen und Fernsehauftritte von Wirtschaftsführern vor laufender Kamera. Fast schon geschichtsträchtig ist das Victory-Zeichen des damaligen Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann. Der Schweizer spreizte zum Beginn des Mannesmann-Prozesses seine Finger zu einem V. Ein Sturm der Entrüstung war dem ungeliebten Banker gewiss.

In der Schweiz ist der Auftritt des damaligen UBS-Vizechefs Alberto Togni in der Nachrichtensendung «10vor10» legendär. Er musste stellvertretend für seinen Chef Marcel Ospel die Rolle der UBS beim Swissair-Grounding rechtfertigen. «Togni war nicht in der Lage, einen geraden Satz zur Nation zu sprechen», schrieb das Nachrichtenmagazin «Facts» damals und sprach von einer «Totaldemontage».

Es muss nicht immer bei einem einzelnen TV-Auftritt bleiben. Gefahr droht auch dann, wenn sich Wirtschaftsbosse wiederholt als erfolgreicher Manager feiern lassen, so wie dies etwa Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz tat. Er liess kaum eine Gelegenheit aus, um vor die Kamera zu treten. Dazu passt auch, dass er Journalisten unaufgefordert seine Handynummer gab. Doch je mehr ein Wirtschaftsführer gefeiert wird, umso tiefer ist sein Fall. Vincenz musste dies in den vergangenen Wochen schmerzhaft spüren. Medien schrieben nach der Untersuchung der Finanzmarktaufsicht und dem darauf erfolgten Rücktritt als Helvetia-Präsident von der Entzauberung des Bündners oder ironisch vom «heiligen Pierin».

Die Lehren daraus sind an sich recht simpel. Glaubwürdigkeit erlangen Wirtschaftsführer vor allem dann, wenn sie auch in kritischen Situationen hinstehen und sich authentisch erklären. Von selbstgefälligen Auftritten ist dagegen dringend abzuraten. Zu gross ist die Gefahr, dass dies einem Manager bei Fehltritten oder Skandalen später um die Ohren geschlagen wird. Bei Huntsman und Clariant dauerte es fünf Monate, bis die Fusion platzte.