Oberster Reformierter

Nicht nur Gottfried Locher ist das Problem – die reformierte Kirche ist schlicht nicht krisentauglich

Gottfried Locher.

Gottfried Locher.

Gottfried Locher soll seine Macht ausgenutzt haben. Kein Wunder: Seine Kontrollinstanzen scheinen ihm keine Paroli bieten zu können oder wollen.

Es sollte der Tag der Klärung werden, der Tag, an dem alles besser wird. Die Öffentlichkeit – und vor allem die Gläubigen – sollten endlich erfahren, warum der oberste Reformierte, Gottfried Locher, zurücktreten musste. Transparenz war das Versprechen der Kirchenführung. Das hat sie zwar eingehalten, wenn auch mit viel Murks. Es kamen aber gleich wieder neue Fakten auf den Tisch, die der ganzen Kirchenspitze, weit über Gottfried Locher und die ihm vorgeworfenen Grenzverletzungen hinaus, ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Tiefe Gräben sind da, es gibt Misstrauen, Streit, verheimlichte Affären.

Hinzu kommt: Die Leitung des rund 80-köpfigen Kirchenparlaments machte eine denkbar schlechte Figur: Immer wieder musste die Tagung unterbrochen werden, um Fragen zu klären. Anträge und Beschlüsse waren wenig verständlich. Die bisweilen groteske Situation führte zu Lachern und Kopfschütteln im Saal. Viele Kleingemeinden scheinen professioneller aufgestellt als das oberste Kirchenorgan, das rund 1,7 Millionen Gläubige in der Schweiz vertritt.

Fazit: Die Kirchenexekutive und das Parlament sind nicht krisentauglich. Wenn Gottfried Locher tatsächlich seine Macht ausgenutzt hat, wie ihm vorgeworfen wird, würde das nicht erstaunen. Weder seine Ratskollegen noch das Kirchenparlament sind offenbar Kontrollinstanzen, die ihm hätten Paroli bieten können oder wollen. Das Problem ist nicht nur bei Locher zu suchen. Sein Rücktritt sollte nicht der einzige in der reformierten Kirchenführung bleiben.

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