Wochenkommentar

Lest!

Das Buch lebt: Patrik Müller über die Erfolge von Literatur-Veranstaltungen

Das Buch lebt: Patrik Müller über die Erfolge von Literatur-Veranstaltungen

In seinem Wochenkommentar schreibt «Nordwestschweiz»- und «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller über die Erfolge von Literatur-Veranstaltungen.

Bücher dürfe man nie aus Pflichtgefühl lesen. So oder ähnlich stand es kürzlich im Kulturteil einer Zeitung. Google weiss, wie der Satz genau lautet: «Der Mensch sollte lesen, wozu es ihn gerade treibt; was er nur aus Pflichtgefühl liest, wird ihm wenig nützen.» Das Zitat soll von François de la Rochefoucauld stammen, einem französischen Literaten aus dem 17. Jahrhundert.

Wie man zu einem Buch findet, spielt keine Rolle. Peter Bichsel hat einmal erzählt, er sei als 9-Jähriger durch Zwang zum Leser geworden. Er habe ein «sehr unspannendes Buch» lesen müssen: «Meine Eltern beharrten darauf, vor allem, weil meine Schwäche in Orthografie sich bereits zeigte und die Hoffnung bestand, durch Lesen zu besseren Diktaten zu kommen, durch bessere Diktate zu besseren Noten, dadurch zu besseren Erfolgschancen, zu einem besseren Lohn und einer schöneren Frau, zu einem grösseren Haus und vielleicht einem Auto.»

Ich beginne bisweilen Bücher durchaus aus Pflichtgefühl. Was ich in der Presse über Joël Dickers Roman «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» mitbekam, sprach mich nicht besonders an: Da wird in einem amerikanischen Städtchen das Skelett eines Mädchens gefunden, im Garten des einstigen Geliebten, eines Schriftstellers. So what, da kann ich auch den «Tatort» schauen.

Ich kaufte mir das Buch nur darum, weil ich wissen wollte, warum so viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt einen 700-seitigen Roman lesen, den ein 30-jähriger, bis dato unbekannter Westschweizer geschrieben hat. Dieses Buch muss man als Journalist wohl gelesen haben.

Dann geschah, was bei Büchern, wenn man denn einmal damit anfängt, so oft geschieht und etwas vom Schönsten ist, das man erleben kann: Man liest und liest, vergisst sich, taucht ab. Man hat eigentlich überhaupt keine Zeit, um stundenlang Seite um Seite umzuschlagen, tut es aber trotzdem, weil man dabei ins Philosophieren mit sich selber gerät und weil man wissen will, wies weitergeht.

Dicker ist kein Frisch und auch kein Bärfuss, er hat nicht diesen intellektuell-politischen Anspruch, aber er ist ein Meister der Dramaturgie und behandelt leichtfüssig grosse Themen wie die Vergänglichkeit, sodass man nach der letzten Seite gleich sein zweites Buch kauft: «Die Geschichte der Baltimores». Das las ich ohne Pflichtgefühl, sondern weil es mich dazu trieb.

Das rauschartige Verschlingen von Büchern – dieses Gefühl kennen viele aus ihrer Kindheits- oder Jugendzeit. Irgendwann verschwinden dann diese Räusche, vielleicht weil einem ein sauertöpfischer Deutschlehrer die Leselust verdorben hat oder weil man glaubt, keine Zeit mehr für Texte zu haben, die länger sind als ein Facebook-Post.

Was einem da entgeht, merkt man dann jedes Mal, wenn man sich trotzdem ein gutes Buch zu Gemüte führt. Man bereut keine Minute dieses Investments. Es gibt grossartige Netflix-Serien, aber vieles kann nur Literatur. Kafka hat geschrieben: «Das Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns.»

Müssen wir uns im Zeitalter von Whats-App, Instagram und Youtube Sorgen machen um die Zukunft des Buchs? Wer seine Kinder beobachtet, wie sie die Buchstaben lernen und von Neugier getrieben jedes Wort entschlüsseln wollen, und wie sie sich dann in ihren ersten Büchern vergraben, der wird nicht so schnell kulturpessimistisch.

Natürlich tun das nicht alle, aber das war schon so, bevor das Smartphone erfunden wurde. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Umsätze mit Kinder- und Jugendbüchern sind stabil oder sogar steigend (während die Verkäufe bei Erwachsenen leicht rückläufig sind). Nein, das Buch stirbt nicht aus, und es ist auch unerheblich, ob es – wie nach wie vor grossmehrheitlich – auf Papier oder digital, als E-Book, gelesen wird.

«Lest!», das imperative Motto des Literaturfestivals «BuchBasel», hat zwar wegen seiner Anspielung auf die fragwürdige Koran-Verteilaktion «Lies!» ein paar Lokalpolitiker provoziert – was die leicht durchschaubare Absicht der Organisatoren war –, aber es ist ganz treffend. Und aktueller denn je in Zeiten, wo der amerikanische Präsident seine Entscheide auf limitierten 140 Twitter-Zeichen begründet.

«BuchBasel», die nächsten Monat stattfindet, gedeiht prächtig, ebenso die Frankfurter Buchmesse, die am Sonntag zu Ende geht, und die darauf folgenden Literaturtage Zofingen und das Buchfestival Olten. Dass das Buch ziemlich untot ist, zeigen auch die Erfolge der Solothurner Literaturtage und des Literaturfestivals Leukerbad. Und nicht zuletzt die unzähligen Lesungen von Autoren - Events, die vermeintlich gar nicht ins 21. Jahrhundert passen, und doch oft sehr gut besucht sind.

Übrigens, Literatur gibts auch in dieser Zeitung: Im dritten Bund «wochenende» haben wir zuerst die 20 wichtigsten Bücher von Schweizer Autorinnen und Autoren vorgestellt, und nun besprechen wir in einer zehnteiligen Serie jede Woche ein Gedicht. Heute eines von Klaus Merz.

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