Minus neun Sitze in Zürich, minus sieben Sitze in Baselland, minus sieben Sitze in Luzern: Für die SVP gab es ein jähes Frühlingserwachen. Die Partei habe das Klimathema «brutal unterschätzt», gestand Nationalrat und «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel in der NZZ. «Auch ich. Da haben wir bei den Wahlen richtiggehend einen Eiskübel über den Kopf geleert bekommen.» Seit der Zürcher Schlappe reitet Köppel auf Twitter Tag für Tag wilde Attacken gegen die rot-grüne «Umweltdiktatur», die er als «Bedrohung des sozialen Friedens» sieht. Köppel war mit dem Segen von SVP-Doyen Christoph Blocher zum Zürcher SVP-Ständeratskandidaten gekürt worden. Damit ist klar: Der engste Kreis um Christoph Blocher will im Wahlkampf in den Ring steigen gegen die «rot-grünen Klimafundamentalisten» (Köppel). 

Was Köppels Rundumschläge auch zeigen: Selbst die SVP kann sich dem Thema Klima nicht mehr entziehen. Sie hebt es auf die Bühne, und zwar SVP-like: die SVP allein zu Hause. Das ist sie spätestens, seit FDP-Präsidentin Petra Gössi im Februar die Notbremse zog und eine klimapolitische Neupositionierung ankündigte. Ein Befreiungsschlag, nachdem die Jugendlichen die FDP an den Demonstrationen auf Transparenten mit «Fuck de Planet» gleichsetzten. Gössi fürchtete einen irreparablen Imageschaden für die Partei, die im Nationalrat das CO2-Gesetz gemeinsam mit der SVP abgelehnt hatte.

Keine Partei kann es sich mehr erlauben, die Klimafrage zu ignorieren. Das dürfte so bleiben bis zu den Nationalratswahlen vom 20. Oktober. Zu erdrutschartig fielen für Schweizer Verhältnisse die Wahlen in den Kantonen Zürich, Luzern und Baselland aus. Die Grünen legten im selben Mass zu, wie die SVP verlor: Sie holten in Zürich 9 Sitze, in Luzern 8 (mit dem Sitz der jungen Grünen) und in Baselland 6. Die GLP gewann in Zürich 9 Sitze und in Luzern 3.

Es legten aber nicht nur die Parteien zu mit einem «grün» im Namen wie Grüne (+41 Sitze, +1,7 Prozent) und GLP (+16 Sitze, + 0,9 Prozent). Sondern auch die rote SP (+23 Sitze, +0,6 Prozent). Sie gewinnt seit den Wahlen in Obwalden im Februar 2018 kontinuierlich, mit Ausnahme der Zürcher Wahlen. Damit zeichnet sich für die Nationalratswahlen vom 20. Oktober ein Linksrutsch ab. Dass Grüne und SP gemeinsam gewinnen, ist historisch gesehen höchst ungewöhnlich. Seit 1983, der Geburtsstunde der Grünen Schweiz, legte eine Partei fast immer auf Kosten der anderen zu. Gewann die SP, verloren die Grünen und umgekehrt. 1991 konnte sich die SP immerhin halten, als die Grünen zulegten. Nur ein einziges Mal, 2003, gewannen SP wie Grüne gemeinsam: die SP um 0,8 Prozent (von 22,5 auf 23,3 Prozent) und die Grünen um 2,4 Prozent (von 5 auf 7,4 Prozent). Das könnte, in sehr ähnlicher Form, auch 2019 der Fall sein. Wie Politologe Claude Longchamp in seinem Blog schreibt, gelingt es nämlich vor allem den Grünen, aber auch der SP, neue Wähler zu mobilisieren. Wähler, die bisher überhaupt nicht an die Urne gingen oder seit längerem nicht mehr.

Noch etwas spielt Links-Grün in die Hände. 2019 dürfte politisch zum Frauenjahr werden. Starke Indizien dafür sind die Erfolge der Frauen in Zürich und Baselland. Im Zürcher Kantonsparlament kommen sie neu auf einen Anteil von 40,6 Prozent, und auch in Baselland erreichen sie die magische Grenze von 40 Prozent. «Bisher lag die gläserne Decke für den Frauen-Anteil bei 30 Prozent», sagt Grünen-Präsidentin Regula Rytz. «Doch jetzt gibt es einen grossen Sprung.» Mit dem Streik vom 14. Juni rückt die Frauenfrage zusätzlich ins Zentrum der Öffentlichkeit.

Klimabewegung und Frauenfrage verstärken und befeuern sich gegenseitig. «Das Frauenwahljahr korreliert mit dem Thema Klima und Nachhaltigkeit, weil Frauen längerfristiger und sachbezogener denken», sagt die grüne Nationalrätin Maya Graf, Co-Präsidentin des Frauendachverbands Alliance F. Politologe Lukas Golder, Co-Leiter von GfS Bern, sieht das ähnlich. Das Hochschaukeln zwischen Klimabewegung und Frauenfrage komme in erster Linie Links-Grün zugute, sagt er. Diese Parteien hätten es früh geschafft, Frauen in Führung und Netzwerke einzubinden.

Die Ausgangslage vor nationalen Wahlen war für grüne und linke Parteien noch selten so gut wie heute. Vieles deutet daraufhin, dass Grüne, GLP und SP nach den Wahlen mit CVP und Teilen der FDP eine solide Mitte-links-Mehrheit für den Klimaschutz bilden werden. Simonetta Sommaruga, die neue SP-Umweltministerin, wird die Forderungen der neuen Allianz noch so gerne aufgreifen. Im Raum steht bereits die Verlängerung des Gebäudeprogramms bis 2030. Und ein Fonds für jene 900 Millionen Franken, welche die Kantone nicht abholten aus dem Gebäudeprogramm. Damit sollen etwa Abwrackprämien für Ölheizungen berappt werden.

Doch der Frühling ist erst 16 Tage alt. Noch dauert es sechs Monate bis zu den Wahlen. Noch kann viel passieren.