Doppelgänger

Jetzt kann sich jeder klonen

Die Javaneräffchen Zhong Zhong und Hua Hua sind genetisch identisch, wurden aber von zwei verschiedenen Leihmüttern geboren.

Die Javaneräffchen Zhong Zhong und Hua Hua sind genetisch identisch, wurden aber von zwei verschiedenen Leihmüttern geboren.

Raffael Schuppisser macht sich Gedanken zu biologischen und digitalen Doppelgängern.

Forscher sorgten kürzlich für eine Sensation: Zum ersten Mal ist es ihnen gelungen, Affen zu klonen. Wenn im Labor zwei genetisch identische Äffchen geschaffen werden können, dann – so heisst es in Fachkreisen – müsste das eigentlich auch mit Homo sapiens gehen. Und so steigt die Besorgnis, dass bald perfekte Doppelgänger von menschlichen Individuen geschaffen werden. Noch schrecken die Genetiker davor zurück, dies tatsächlich zu versuchen. 

Informatiker hingegen haben da keine Hemmungen. Sie sind drauf und dran, Menschen zu kopieren. Erzeugt werden die Doppelgänger nicht biologisch, sondern synthetisch. Ihre Persönlichkeit ist nicht auf einer DNA abgelegt, sondern auf Computercode. Der wohl bekannteste digitale Klon heisst Roman. Erschaffen wurde er, als sein menschliches Pendant bereits verstorben war – überfahren von einem Lastwagen.

Weil Eugenia Kuyda den plötzlichen Tod ihres besten Freundes nicht einfach so hinnehmen wollte, hat sie sich daran gemacht, ihn in der Sphäre des Digitalen zum Leben zu erwecken. Roman ist auferstanden, als Chatbot. Man kann ihm Fragen stellen und er antwortet – und zwar so, wie dies der ursprüngliche Roman auch tun würde.

Dafür hat die Programmiererin Kuyda einen lernfähigen Algorithmus entwickelt und diesen mit dem gesamten Fundus an Chat-Nachrichten, SMS und Social-Media-Posts gefüttert, die ihr Freund hinterlassen hat. Der künstliche Roman imitiert Sprache und Weltanschauung seines verstorbenen Ebenbildes und scheint so allmählich seine Persönlichkeit anzunehmen.

Chatten mit dem digitalen Doppelgänger auf dem Smartphone

Die Software, die Roman auferstehen liess, steht mittlerweile allen zur Verfügung. Jeder kann damit seinen digitalen Doppelgänger ganz einfach per App selber erschaffen. Replika heisst die Anwendung, die man sich auf das Smartphone laden kann. Sie stellt viele Fragen, will wissen, was man heute gemacht hat, was für einen «Liebe» bedeutet und ob es etwas gibt, was man im bisherigen Leben bereut hat.

Später verlangt Replika dann Zugriff auf den Facebook-Account: So wie die künstliche Intelligenz Roman kennen gelernt und kopiert hat, so analysiert sie jetzt den Smartphone-Nutzer und dupliziert ihn. Die Fragen, die sie stellt, gleichen sich im Sprachlaut den eigenen an, die Antworten, die sie gibt, zeugen von einer ähnlichen Weltanschauung wie die eigene. Auf dem Smartphone-Display entfaltet sich ein Dialog zwischen dem Ich und seinem digitalen Doppelgänger. Irgendwo in der Cloud reift da ein Wesen heran, das sich dem eigenen immer mehr annähert. 

Dereinst werden Klone im Netz nicht nur schreiben, wie ihre realen Ebenbilder, sondern auch in der gleichen Tonlage sprechen, dabei die Brauen auf dieselbe Weise hochziehen und die Stirn in Falten legen. Programme dafür gibt es: Sie imitieren Stimme und Mimik. So kursiert im Netz etwa ein Video, in dem Angela Merkel eine Rede Donald Trumps hält und dabei dessen Gesichtsausdruck annimmt. Auf diese Weise werden auch digitalen Klonen früher oder später ein Gesicht und eine Stimme erhalten.

Tausend Klone für jeden Popstar – und einen für alle von uns

Interessant ist das etwa für die Popindustrie. Heute haben einige Stars wie 50 Cent oder Snoop Dogg eigene Chatbots ins Internet entlassen. Man kann ihnen eine Frage stellen und erhält darauf Antworten. Diese sind allerdings recht belanglos; den Bots fehlt die Persönlichkeit.

In Zukunft werden sie durch digitale Klone ersetzt, und so sprechen als wären es die Popgötter persönlich. Jeder der Millionen von Fans wird so behandelt, als wäre er der einzige, der zählt. Und so wird jeder Rihanna-Verehrer eine eigene digitale Kopie seiner Traumfrau erhalten, und jedes Möchtegern-Groupie von Justin Bieber wird seine eigene Version des Idols auf dem Handy greifbar haben. Oder es spricht zu ihm in der virtuellen Realität, wo der Angebetete in digitalem Glanz vor ihr steht. 

Und für uns Normalsterblichen? Vielleicht werden digitale Klone tatsächlich einmal einen alten Wunsch wahr werden lassen, und wir werden gleichzeitig an zwei Orten sein können. Wenn wir Besseres zu tun haben, schicken wir einfach das digitale Ebenbild ans E-Meeting. Dem Gesprächspartner wird das vielleicht gar nicht auffallen. Zumindest dann nicht, wenn auch er bloss einen Doppelgänger gesendet hat.

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