Kommunikation

In der Sozialwüste ein geglücktes Date: Virtuelle und reale Kommunikation gegeneinander ausgespielt

Wir alle seien Nummern, heisst es. Nicht mal mehr Schachfiguren, das Sozialleben heute gleiche dem Roulette: «Faites vos jeux!» Zufall oder Gleichgültigkeit würfle die Menschen durcheinander, nicht mehr Gottes Hand. Wir verlören die Regie übers eigene Biopic, engagierten nicht länger die Haupt- und Nebenfiguren unserer Wahl: Follower moderner Rattenfänger zum Dauerflöten auf Facebook, Twitter, Instagram.

Neulich sprangen wir einfach mal rein, in diese aufgeschäumte Suppe oder Flut, und sagten: «Okay.» Ja zu einem Experiment, einem Blind Date zu viert. Alles entsprang einer Schnapszahl – 3333 – und lief am Ende so: Nummer 3333 war unfreiwillig Auslöser des Ganzen, allerdings nicht aktiv. Als Initiant aktiv war Nummer 1, ein pensionierter Publizist und häufiger Twitterer. Als die Zahl seiner «Follower» auf 3333 sprang, entsprang seinem Kopf auch die Idee: Diesen Twitterer picke ich heraus. Und ausserdem – vielleicht der Gerechtigkeit halber (immerhin geschah das in einer Sphäre, die man «Soziale Medien» nennt) – auch die Nachbarnummern, also Follower Nummer 3332 und Nummer 3334.

Alle drei schrieb Nummer 1 an und lud sie ein in die «Brasserie Federal» am Zürcher Hauptbahnhof: «Die erste Runde geht an mich.» Persönlich kannte sich das Quartett nicht, nur Logarithmen hatten es formiert: zwei Zeitungsveteranen (der eine a. D., der andere kurz davor), ein halb so alter Experte in Wirtschaftsprognosen, angestellt beim Bund, und ein Geschäftsmann mit Solaranlagen – jedenfalls nach flüchtigem Googeln. Der Solarmann entschuldigte sich in letzter Minute, wegen sich hinziehender Arbeit bis nach Sonnenuntergang. Fände ein Nachfolgetreffen statt, sei er garantiert dabei, twitterte er, was die übrigen drei ohne Verzug re-tweeteten, kombiniert mit einem Selfie aus der Brasserie. Der darum gebetene Kellner aus Pakistan schoss gleich drei – über Kopf, auf Brusthöhe und halb geknickt im Knie.

Sofort war das Gespräch lebhaft, getragen von Neugier auf des Schnapsnummer-Nachbarn jeweiliges Metier. Der Initiant führte keineswegs das Wort, förmlich an sich dazu berechtigt, mindestens zu Beginn. Jeder gab kurz Aufschluss über das, was er tat – dank Verzicht auf Getue oder gar Eitelkeit war das exquisit. Meist knüpfte er auch ein paar Meta-Gedanken dran. Heisst: Jeder Kopf konnte Abstand nehmen von sich selbst und die anderen teilhaben lassen an der Betrachtung seiner Welt. Dazu herrschte von Anfang an jener coole Anstand und Takt, zu dem die meisten vernünftigen Leute hierzulande fähig sind.

Mit einem Wort: Virtueller Kontakt klappt! In den Sozialmedien, so geht die Mär, finde kein «natürlicher Austausch zwischen Menschen» statt (Zwischenfrage. Wann wäre der jemals «natürlich» gewesen?). Pseudo-Freunde zögen sich gegenseitig mit Fake-Botschaften nur ins depressive Loch. Nichts sei echt in der Twitter-Wüste, kein vernünftiger Umgang möglich. Papperlapapp. Es ist der Einzelne, der entscheidet, wie er die Dinge nutzt, zum Guten oder Schlechten, zur Klärung seiner Lage oder zur Benebelung mit falschem Glanz. Man kann nichts delegieren ans Internet, den Schurken Zuckerberg, an «die allgemeine Verblödung der Menschheit». Am Ganzen beteiligt ist jeder und jede Einzelne selbst.

Der Kontrast zum Schnapszahl-Date kam unmittelbar danach. Jäh öffnete sich jene Sphäre, die angeblich dem Menschen allein zuträglich sein soll – der reale soziale Kontakt. Und der ging so: In der hinteren Reihe fragte ein Bursche, dröhnend vor roher Selbstherrlichkeit, seine kaugummi-kauende Begleiterin: «Weisst du, was ein Touchdown ist?» Natürlich höhnte er lang, weil die Gans keine Ahnung hatte von American Football. Dann rief er laut, sodass es alle hörten im Zug: «Da rammt einer wie ein Bulle durch alle Gegner durch, spickt sie alle wie Mehlsäcke zur Seite und secklet gnadenlos durch bis runter zum Ziel.»

In dem Moment traten zwei Bahnbeamte in den Waggon, gekleidet wie Sicherheitsleute, und kontrollierten Tickets. «Ich habe keins», höhnte der Bursche, «und auch kein Geld. Meinen Ausweis könnt ihr bei mir zu Hause holen. Die Adresse habe ich vergessen. Die Busse steckt ihr an den Hut.» Die Beamten schauten sich an, einer sagte: «Wir geben Ihnen ein Kinderbillett. Damit fahren Sie weiter bis Schlieren und steigen da aus.» – «Kinderbillett, hä? Wartet, ich zahl’ euch Galgen- vögel was dafür. Hier, ein Zehner. Ist natürlich Falschgeld. Oder wollt ihr etwas Koks?»

Und so weiter. Das ist der gloriose Kontakt zum Mitmensch, den uns immer öfter realer Zufall beschert, nicht wegzuwischen mit dem Daumen wie am Smartphone. Das leibhaftige Erlebnis eines Vollpfostens, der noch keine drei Minuten im Leben zu irgendwas nützlich war. Hat ihn «die moderne Kommunikationsarmut» dazu gemacht? Nein, dafür verantwortlich ist er und nur er, ganz allein. Ob von Angesicht zu Angesicht, oder auf Facebook, Twitter und Co.: Der Einzelne ist und bleibt seines Glückes Schmied. Das Medium hat daran den geringsten Einfluss, auch wenn der umgekehrte Aberglaube zurzeit – unter allzu Bequemen – höchste Konjunktur geniesst.

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