Hatten Sie einen entspannten 1. August? Hoffentlich. Ein lauer Abend unter Freunden. Ein bisschen Feuerwerk. Feine Grilladen. Ein gutes Gespräch über die Eskapaden des Wilhelm Tell. Dazu die strahlenden Augen der Kinder, die länger aufbleiben durften. Wie schön. Und wie harmlos unser Nationalfeiertag doch ist.

Schaut man sich derweil in den sozialen Medien um, so stellt man fest: Zahlreiche Exponenten linker und linksliberaler Parteien fühlen sich landauf, landab bemüssigt, miese Stimmung zu verbreiten. Mal wird darauf verwiesen, dass der 12. September, Tag der Gründung des modernen Bundesstaats, ein geeigneteres Datum für ein nationales Cin-Cin wäre. Besser freilich, so suggerieren die Griesgrame, besser wäre es, auf diesen Schwachsinn namens Nationalfeiertag ganz zu verzichten. Heimat ist einfach dort, wo Familie und Freunde wohnen, wie SP-Wahlkampfchefin Nadine Masshardt in einem Statement lapidar und in absichtlicher Negierung jedes Nationalgefühls feststellte.

Warum fühlen sich diese Leute nur so fremd im eigenen Land? Warum müssen sie bei jeder Gelegenheit betonen, für wie banal sie die Rütli-Geschichte halten, wie hinterwäldlerisch man sein muss, diese Legende für bare Münze zu nehmen. Sie tun einem leid, jene Geister, die derart am Heimatland leiden, dass sie sich schämen, wenn die Nationalhymne angestimmt wird.

Vielleicht hilft es den hadernden Mitbürgerinnen und Mitbürgern, wenn man ihnen in Erinnerung ruft, wie klug es von der Elite im 19. Jahrhunderts war, den 1. August als Nationalfeiertag zu installieren und nicht etwa den 12. September. Der Tag basierte, das wusste man schon damals, auf Mythen, auf weitgehend konstruierten Geschichten, die dem kleinen Land inmitten der Gründungsphase grosser Nationalstaaten Halt und Orientierung verschafften. Geschichten, die integrierend wirkten. Geschichten, die sich jedes Kind merken konnte. Und ja, Geschichten, die den Kleinstaat moralisch erhabener machten, als er tatsächlich war. Nachvollziehbar in einer Zeit, in der sich nationale Grösse an der Anzahl Soldaten mass.

Der 12. September hingegen ist ein Datum der Sieger, der Überlegenen, der liberalen Bundesstaatsgründer. Alle jene katholisch-konservativen Geister, die 1848 im Sonderbundskrieg den Kürzeren gezogen hatten, hätte man damit brüskiert. Das wollte man zu recht nicht. Es musste eine Geschichte her, die niemandem weh tut. Tell und die alten Eidgenossen boten dafür die ideale Grundlage.

Anstatt jedes Jahr gegen den 1. August zu trötzelen, täte die linksliberale Intelligenzia besser daran, aus der Geschichte ein progressives Narrativ abzuleiten. Was war denn das Landfriedensbündnis von 1291 anderes, als eine Art Rahmenabkommen unter Nachbarn, die sich gegenseitig unterstützten, um ein besseres Leben zu führen? Dieses Bündnis steht für Kooperation unter Menschen, die im selben Boot sitzen. Es steht dafür, dass republikanischer Gemeinsinn Sicherheit und Frieden bringt.

In die heutige Zeit übersetzt, könnte das bedeuten, dass es für die Schweiz Sinn ergibt, sich mit den europäischen Nachbarn auf ein Rahmenabkommen zu verständigen, das die wichtigsten Fragen des Miteinanders regelt. So wie das die alten Eidgenossen auch gemacht haben. Der Rütlischwur des 21. Jahrhunderts besteht darin, dass wir Schweizer uns zur Zusammenarbeit mit Europa bekennen. Mit Nachbarn, die unsere Werte teilen. Unsere Zukunft liegt nicht in China, wo eine Einparteiendiktatur daran ist, einen Überwachungsstaat zu schaffen, der jede Freiheit erstickt. Unsere Zukunft liegt nicht in Russland, wo Demonstranten niedergeknüppelt werden. Und sie liegt nicht im osmanischen oder arabischen Nahen Osten, wo kritische Geister hinter Gittern sitzen.

Doch vielleicht fremdeln unsere linksliberalen Geister längst so stark mit der Heimat, dass sie diese moderne Rütli-Deutung gar nicht mehr zu erkennen vermögen. Es wäre ihre Aufgabe, den eidgenössischen Gründungsmythos nicht einfach Blocher und den Nationalkonservativen zu überlassen. Die Zukunft der Schweiz liegt im aufgeklärten, liberalen, humanistischen Europa.