Mit seiner Warnung, Tripolis einzunehmen, versucht sich General Chalifa Haftar mit seiner irregulären Libyschen Nationalarmee (LNA) vor UN-vermittelten Gesprächen über die Zukunft des Landes in eine Position der Stärke zu bringen.

Seine schwülstigen Parolen könnte Chalifa Haftar von dem im Oktober 2011 gelynchten Muammar al-Gaddafi abgekupfert haben. «Heute vollenden wir unseren siegreichen Marsch und kommen den Rufen unserer Angehörigen in unserer teuren Hauptstadt nach», hatte der libysche General am Mittwochabend in einer Audiobotschaft «zur bevorstehenden Befreiung von Tripolis» verkündet.

Ob er die 3-Millionen-Einwohner-Stadt tatsächlich einnehmen wird, scheint fraglich. Bereits seit Wochenbeginn ist Tripolis grossräumig umzingelt. Vorgeschobene Verbände von Haftars Streitkräften sollen weniger als 30 Kilometer vor der libyschen Hauptstadt stehen, in der die international anerkannte libysche Regierung unter Führung von Premierminister Fajes al-Sarradsch ihren Sitz hat. Er hat inzwischen die Generalmobilmachung der ihm loyalen Truppen angeordnet.

Mit Sarradsch ist General Haftar am 15. April zu Gesprächen über die Zukunft des Landes verabredet. Sie sollen in der Stadt Ghadames, unweit der algerischen Grenze, unter Vermittlung der Vereinten Nationen stattfinden. Es dürfte daher kein Zufall gewesen sein, dass Haftar ausgerechnet jetzt den militärischen Druck auf Tripolis so massiv verstärkt hat. «Der General versucht sich so in eine Position der Stärke zu manövrieren», betonen westliche Diplomaten in der libyschen Hauptstadt. Dort hatte UN-Generalsekretär Antonio Guterres am Donnerstag noch einmal eindringlich vor einer «militärischen Lösung» gewarnt.

Wird der General auch einen Bürgerkrieg riskieren?

Nichts anderes hat General Haftar vermutlich im Sinn. Seit mehreren Jahren ignoriert der 75-Jährige alle internationalen Aufrufe zur Mässigung und Zurückhaltung und lässt seine Armee von seinen Stützpunkten bei Benghazi konsequent nach Westen marschieren. 90 Prozent des viertgrössten afrikanischen Landes soll seine LNA bereits kontrollieren. Den «endgültigen Sieg», hat Haftar klargestellt, werde er sich «von niemanden mehr» nehmen lassen.

Zum Ende seiner wechselvollen Karriere will der gesundheitlich angeschlagene General ganz nach oben – so wie einst Gaddafi, an dessen Putsch gegen König Idris sich Haftar als junger Offizier 1969 beteiligte. Profilieren an der Seite des charismatischen Diktators konnte er sich nicht. Haftar schaffte es in die Führungsspitze der libyschen Armee, die unter seinem Kommando 1987 den Tschad angriff und von Tobu-Milizen vernichtend geschlagen wurde. Der General geriet in Gefangenschaft, aus der er 1990 mithilfe der CIA befreit wurde.

20 Jahre verbrachte Haftar daraufhin im amerikanischen Virginia, wo er den Widerstand gegen Gaddafi zu organisieren versuchte. Nach dem durch eine Nato-Intervention herbeigeführten Sturz des Diktators ging der in der ehemaligen Sowjetunion ausgebildete General zurück nach Libyen. Von seinen politischen Gegnern als «CIA-Agent» beschimpft, schaffte es Haftar mit seinen Truppen, die dschihadistischen Milizen im Osten des Landes zu schlagen und sich damit auch auf internationaler Ebene als Bündnispartner zu empfehlen.

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Neben Russland und Ägypten wird die mittlerweile 75'000 Mann starke LNA von Chalifa Haftar auch von den Vereinigten Arabischen Staaten und Saudi-Arabien unterstützt. Letztgenannte Staaten erwarten von dem General vor allem ein konsequentes Vorgehen gegen die international anerkannte Regierung von Premierminister Sarradsch, der der islamistischen Muslimbruderschaft nahesteht.

Haftar kann die internationale Legitimierung von Sarradsch nicht völlig ignorieren. Unter amerikanischem Druck hatte sich der fliessend russisch sprechende General im Februar in Abu Dhabi zu freien Wahlen bekennen müssen. Gleichzeitig waren seine Truppen bis an die Grenze zu Algerien im äussersten Westen Libyens vorgerückt, wo wichtige Ölquellen besetzt wurden. Haftars Vorgehen erinnert zuweilen an die erratische Politik von Muammar al- Gaddafi, der die internationale Staatengemeinschaft immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt hatte.

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