Unvergessen die Szenen nach dem Finalspiel im Russland. Der französische Präsident Emmanuel Macron umarmte die Spieler Griezmann, Mbappé, Kanté. Drückt sie an seine Brust. Der strömende Regen erhöhte die Dramatik des Augenblicks. Das Bild von Macron, wie er zuvor auf der Tribüne seiner Weltmeister-Equipe zugejubelt hatte, ging um die Welt. Ja, der Sport liess vieles vergessen in diesem heissen Sommer, auch die Politik. Für einen Augenblick, jedenfalls. Aber gerade bei den grossen, lauten Ereignissen achte ich gerne auf die kleinen, leisen.

Diesmal war es eine Umfrage, die in der Zeitung «Le Monde» publiziert wurde. Ihr Fazit: Die Zuversicht ist verflogen. Macron wurde nach seiner Wahl von vielen wie ein Messias gefeiert, doch der Polit-Pessimismus bleibt. Mehr als die Hälfte der Befragten hat kein Vertrauen in den Präsidenten. Nur 10% geben an, den politischen Parteien zu vertrauen. Nur ein Viertel der Befragten vertraut den Politikerinnen und Politikern. Das eigentlich Alarmierende war aber ein anderer Befund. Für die Jungen, also für jene, die die Zukunft Frankreichs darstellen, scheint die Demokratie nicht mehr die allein glücklich machende Staatsform zu sein. Fast die Hälfte gibt an, andere Staatsformen seien genauso gut. Ich musste das zweimal lesen. In Frankreich ging denn auch in den darauffolgenden Tagen die Demokratie-Debatte von vorne los.

All dies liest sich wie eine Bestätigung des Abgesangs auf die Demokratie, der momentan en vogue ist. Eine Vielzahl von Büchern thematisiert die Probleme der Demokratie angesichts Zersetzungsprozesse wie in der Türkei, angesichts autoritärer oder populistischer Töne oder der Konkurrenz des chinesischen Politsystems. Demokratiedämmerungsliteratur nannte der «Tages-Anzeiger» den Boom solcher Literatur kürzlich. Werke, die fragen, ob die westliche liberale Demokratie in Gefahr sei, oder die den «Zerfall der Demokratie» bereits als Indikativ im Titel tragen. Nun war ich in zu vielen Ländern unterwegs, wo politische Partizipation und Rechtsstaatlichkeit keine Selbstverständlichkeit sind, wo Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit nicht respektiert werden, als dass mich das nicht bewegen würde. Was die Umfrage in Frankreich ans Licht brachte, geht uns auch an.

Ich tauschte mich deshalb mit dem Politologen Claude Longchamp aus. Die Schweiz tickt anders, hat eine andere Geschichte. Die Jugendarbeitslosigkeit ist tief, in Frankreich hoch, damit verbunden ein Gefühl der Zukunftslosigkeit, meint er. Und auch sonst ist die direkte Demokratie hier weniger zerbrechlich. Die Schweiz ein Sonderfall in Sachen Demokratievertrauen? Tatsächlich zeichnet der easyvote-Politikmonitor des Dachverbands Schweizer Jugendparlament ein optimistischeres Bild. Auf die Frage, ob Politik einen grossen Nutzen für die Zukunft des Landes habe, stimmen knapp drei Viertel zu oder eher zu. Knapp die Hälfte ist eher oder sehr an der Schweizer Politik interessiert. Die Frage, ob ein anderes System als die Demokratie genauso gut wäre, wurde jedoch nicht gestellt. Ob die Antwort genauso alarmierend ausfallen würde wie in Frankreich, wissen wir nicht. Doch: Niemand glaube ernsthaft, dass sich hier die Jungen von der Demokratie abwenden, schreibt mir Longchamp.

Alles gut? Nein. Obwohl das Polit-Interesse da ist, bleiben viele Jungen der Urne fern. Eine deutliche Mehrheit, nämlich zwei Drittel, stimmen nicht ab. Desinteresse bedeutet indes nicht, dass die Jungen andere Staatsformen genauso gut finden würden. Aber hinnehmen dürfen wir das trotzdem nicht. Es liegt an uns, das grundsätzliche Polit-Interesse der Jungen in politische Partizipation zu überführen. Wenn wir sagen, die Stimmbeteiligung sei auch in den anderen Altersgruppen nicht nur erbaulich, dann machen wir es uns zu einfach. Es liegt an uns Medienleuten, an den Politikerinnen und Politikern selber, an den Bildungs-Institutionen, an den Eltern, in die Offensive zu gehen. Es braucht eine kraftvolle Offensive für mehr politische Beteiligung bei den Jungen. Jungbürgerfeiern, Staatskundeunterricht und ein Besuch im Bundeshaus sind wichtig, aber nicht ausreichend. Das geht besser. Auch wenn bereits viel probiert wurde und die grossen Effekte ausblieben: Es gilt, dranzubleiben. In einem Jahr sind Wahlen, ein guter Startpunkt. Schliesslich geht es um die Zukunft unseres Landes. Politik ist kein WM-Final, kein kurzes Feuerwerk an gemeinsam erlebten Emotionen, für das man alles stehen und liegen lässt. Aber wir könnten zumindest für die eidgenössischen Wahlen jetzt mit dem Anpfiff beginnen und ein engagiertes Training starten.