Gastkommentar

Für einen Stakeholder-Kapitalismus

Klaus Schwab: «Greta Thunberg erinnerte uns daran, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem einen Verrat an zukünftigen Generationen darstellt, da es die Umwelt schädigt.»

Klaus Schwab: «Greta Thunberg erinnerte uns daran, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem einen Verrat an zukünftigen Generationen darstellt, da es die Umwelt schädigt.»

In seinem Gastkommentar erklärt Klaus Schwab, Gründer des World Economic Forums, warum es zwischen Staatskapitalismus und Shareholder-Kapitalismus einen dritten Weg gibt.

Welche Art von Kapitalismus wollen wir? Das dürfte die wohl entscheidende Frage unserer Zeit sein. Zur Wahl stehen drei Modelle: Das erste ist der Shareholder-Kapitalismus. Dieses Modell betrachtet das Streben nach Gewinn als das Hauptziel von Unternehmen und ist in vielen westlichen Unternehmen vorherrschend.

Das zweite ist der Staatskapitalismus. Dieses Modell überträgt dem Staat die Weichenstellung für die Wirtschaft und ist in Schwellenmärkten gängig. Ich möchte für ein Modell des Stakeholder-Kapitalismus werben, das ich erstmals vor einem halben Jahrhundert beschrieben habe. Es betrachtet Unternehmen als Treuhänder der Gesellschaft und ist meines Erachtens die beste Antwort auf die heutigen sozialen und ökologischen Herausforderungen. Der Shareholder-Kapitalismus dominierte einen Grossteil der jüngeren Wirtschaftsgeschichte.

In der Blütezeit dieses Modells lebten Hunderte Millionen Menschen in aller Welt im Wohlstand, während gewinnorientierte Unternehmen neue Märkte erschlossen und neue Arbeitsplätze schufen. Doch es gab noch eine andere Seite der Medaille. Der Shareholder-Kapitalismus und seine Anhänger berücksichtigten nicht, dass ein Unternehmen sowohl soziale als auch gewinnorientierte Aspekte besitzt.

Diese Tatsache und der Druck des Finanzsektors, kurzfristige Ergebnisse zu erzielen, führten dazu, dass sich dieses Modell zunehmend von der Realwirtschaft löste. Viele von uns erkannten, dass diese Form des Kapitalismus nicht mehr nachhaltig ist. Zunächst gab es einen Greta-Thunberg-Effekt. Die junge schwedische Aktivistin erinnerte uns daran, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem einen Verrat an zukünftigen Generationen darstellt, da es die Umwelt schädigt.

Millennials und die Generation Z möchten darüber hinaus nicht mehr für Unternehmen arbeiten, in Unternehmen investieren oder von Unternehmen Produkte kaufen, die kein umfassendes Wertesystem haben. Zudem erkennen immer mehr Führungskräfte und Investoren, dass ihr langfristiger Erfolg auch von dem ihrer Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten abhängt. In der Folge setzt sich der Stakeholder-Kapitalismus schnell durch – der Höhepunkt eines langen Prozesses.

Jetzt springen – endlich – andere auf den Stakeholder-Zug auf. Wir sollten diesen Moment nutzen, um die vorherrschende Position des Stakeholder-Kapitalismus zu festigen. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist eine Neuauflage des «Davoser Manifests»: Unternehmen müssen ihren gerechten Anteil an Steuern zahlen. Sie sollten Korruption keinesfalls tolerieren und die Menschenrechte in ihren globalen Lieferketten achten. Und sie sollten einheitliche Wettbewerbsbedingungen respektieren, auch wenn sie in der Plattformökonomie tätig sind.

Erstens sollte es eine Kennzahl für die «gemeinsame Wertschöpfung» geben. Sie sollte die Finanzkennzahlen ergänzen und die Optimierung der ESG-Ziele (Environmental, Social, Governance – Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) ermöglichen. Eine entsprechende Initiative ist bereits im Gange. Die zweite Massnahme ist die Anpassung der Vergütung von Führungskräften. Seit den 1970er-Jahren sind die Gehälter von Führungskräften in die Höhe geschnellt, hauptsächlich um das Management an den Aktionären «auszurichten».

Im neuen Stakeholder-Modell sollte sich die Vergütung eher an der langfristigen gemeinsamen Wertschöpfung orientieren. Viele Unternehmen sind inzwischen so gross geworden, dass sie in der Verantwortung für unsere gemeinsame Zukunft stehen. Natürlich muss ein Unternehmen weiterhin seine Kernkompetenzen, seinen Unternehmergeist und seine Fähigkeiten nutzen. Aber es sollte auch mit anderen Interessengruppen zusammenarbeiten, um den Zustand der Welt zu verbessern. Das sollte das oberste Ziel sein.

Copyright: Project Syndicate, 2019

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