Kommentar

Frau Lüscher hat die Nase voll von Corona: Ihre neue Leidenschaft sind Möbelkataloge

Sehen Sie sich auch so gerne Möbelkataloge an wie Frau Lüscher?

Sehen Sie sich auch so gerne Möbelkataloge an wie Frau Lüscher?

Frau Lüscher hat wieder angerufen. In Zeiten wie diesen, sagte sie, habe sie aufgehört, die Zeitung genau zu lesen; sie widme ihre Aufmerksamkeit da schon eher den eingesteckten Beilagen. Ganz besonders möge sie die Möbelprospekte der Anbieter aus dem grenznahen Ausland. Dabei interessiere sie sich weniger für die vielen Angebote. Nein, was sie fasziniere, seien die vielen tollen Wörter, die sie lesend kennen lerne.

«Wissen Sie, was ein Tonnentaschenfederkern ist?», fragte Frau Lüscher. Natürlich wusste ich es nicht. Sie erklärte mir, dass es sich um einen Matratzentyp handelt, der mit ergonomischer Waffelprofilierung und innengehefteter Wollfilzfederkernabdeckung erhältlich sei. Ich war beeindruckt. Sie notiere sich die schönsten Ausdrücke aus den Prospekten und lese sie sich laut vor. Neben dem Tonnentaschenfederkern gehörten die herausnehmbaren Verhärtungseinschübe zu ihren Lieblingen.

Ihr Mann könne ihre Leidenschaft für die Sprache der Möbelprospekte überhaupt nicht verstehen, sagte Frau Lüscher, er habe ihr vorgeworfen, sie benehme sich schon ziemlich seltsam. Da passiere so viel Verrücktes auf der Welt und sie beschränke sich bei ihrer Lektüre auf die Beschreibung von Möbeln von ennet dem Rhein. «Was meinen Sie, brauche ich eine Therapie?», fragte Frau Lüscher. Ich sagte, das könne ich nicht beurteilen. Als sie aufgelegt hatte, suchte ich mir auch einen solchen Möbelprospekt und begann zu lesen. Es war grossartig.

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Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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