Ein halbes Jahrhundert lang führten die USA rund um den Globus sogenannte Stellvertreterkriege, im Namen der freien Welt, gegen Kommunisten mancherlei Couleur. Führen sie heute wieder einen «Stellvertreterkrieg» an der Grenze zum Süden? Anders gefragt: Sollen alle wirtschaftsstarken Demokratien inzwischen das Militär in ihre Überlegungen einbeziehen wie die USA, um sich der Millionen zu erwehren, die aus Lateinamerika und Afrika zu uns drängen?

Für dieses Angstszenario, könnte man meinen, bekommen wir gerade ein dramaturgisches Skript geliefert an der Grenze zu Mexiko. Ähnlich wie der amerikanische Bürgerkrieg und der Burenkrieg in Afrika das Skript zur «Blutmühle» des Ersten Weltkriegs vorgezeichnet hatten. Und hier? Fakt ist: In den vergangenen Wochen wurden mehr amerikanische Soldaten an der 3144 Kilometer langen Südgrenze zusammengezogen als während der Mexikanischen Revolution Anfang des letzten Jahrhunderts.

Umgekehrt marschieren Tausende seit Oktober aus dem Süden zur amerikanischen Grenze. Erstmals in rauen Mengen. Freilich nicht als «Strom», sondern in Form von vier bis fünf «Karawanen». Mehrere Versuche, sie «umzudrehen», misslangen, egal ob auf die harte oder weiche Tour. Zu durchsichtig wirkten verschiedene Ad-hoc-Köder regionaler Regierungen: ordentliche Asylverfahren in Mexiko, Helikopterflüge nach Hause, Zwangsausschaffung, Zuwendungen zu Hause für den Neubeginn und so weiter.

Dass den Eliten in den Heimatländern niemand mehr auch nur ein Jota glaubt, hat die dortige Kleptomanen-Kaste allein sich selbst zuzuschreiben, unbesehen ob rechtskonservativ gewickelt wie in Guatemala oder links wie in Nicaragua: ihrer provinziellen Selbstherrlichkeit, ihrem Revoluzzer- oder Jachtclub-Dünkel, der neurotischen Miami-Süd-Mimikry, dem Kitsch ihrer Rechtsstaat-Operette. Mit jeder Woche schwand drum die Hoffnung lokaler Granden mehr, «das Problem» der zehntausend armen Schlucker aus Zentralamerika wie gewohnt versickern zu lassen, irgendwo in Mexikos unerforschlichen blutgetränkten Wüsten, wie so vieles Schreckliche der jüngeren Vergangenheit.

Organisierte Geier

Nicht zuletzt die «violencia» (Gewalt) in Mexiko hat die Karawane anschwellen lassen. Aus einer, von Süden her gesehen, denkbar simplen Überlegung: Masse bringt Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit garantiert Schutz. Viele waren es immer schon gewesen, mindestens 400'000 im letzten Jahr, aber vereinzelt oder in kleinen Gruppen: leichte Beute für Drogenkartelle und organisierte Geier, die sich bisher an den Elendsscharen gütlich taten. Ihretwegen war der Zustrom in den letzten Jahren dünner geworden. Kriminelle spielten den US-Migrations-Marshals quasi in die Hände, und so hat man das achselzuckend laufen lassen.

Jetzt wagen die Killer, Räuber, Hehler den Überfall nicht mehr, nicht vor all den Kameras. Diese Gewissheit erfasste die Leute sofort, nachdem im letzten April eine erste «Karawane» nach San Diego aufgebrochen war, initiiert von der mexikanischen Hilfsorganisation «Menschen ohne Grenzen». Dafür werden diese Leute jetzt heftig gescholten. Wiederum aber wäre, von Süden gesehen, die folgende, ihnen unterstellte Überlegung so simpel wie bestechend: Wann schaut der Norden denn mal richtig auf die politische Malaise im Süden und hilft kräftig mit, hier endlich aufzuräumen? Nur mit tausend «Hannibals ante portas!». Eine Spur Machiavelli liegt dieser Überlegung zugrunde, nämlich Auswanderer mit irrealer Hoffnung zu blenden gegenüber der Strapaze, um sie überhaupt in Marsch zu setzen.

Tränengas, Gummischrot, Grenzpolizei

Je grösser und breiter der Exodus wird, desto mehr werden sich daran beteiligen, auch in Zukunft. Und aus einem dritten pragmatischen Kalkül: An der Grenze können US-Behörden zwar einzelne abwimmeln, Dutzende, Hunderte vielleicht – aber wie werden sie mit Tausenden fertig, von ihrer Verfassung, ihrer Geschichte, ihrem Selbstbild her verpflichtet auf Wahrung der Menschenrechte? Präsident Trump setzt auf Tränengas, Gummischrot, Grenzpolizei, aber – bisher – nicht auf Patronen. Europa schielt nach Tijuana mit dem verheimlichten Gefühl, es ginge da irgendwie auch ums «Mare nostrum». Auf mexikanischem Territorium will Trump bald «schöne Lagerzelte» aufschlagen für Migranten, solange die USA deren Asylanträge prüfen. Das wird sich Mexiko fürstlich – sagen wir mit Blick auf Europa: türkisch – vergüten lassen. Viel Erfahrung haben Latinos indes auch mit kafkaesker Bürokratie. In aller Regel kratzt sie ein Wisch nicht im Geringsten, solange es kein Visum ist oder ein «Fula», ein Dollarschein.

Treibt also tatsächlich alles unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu zwischen Nord und Süd? Auf der US-Seite der Grenze schieben auch Freiwillige vermehrt Dienst, oft US-Kriegsveteranen. Zum Beispiel ein Mann namens Jaeger. Er stehe im Krieg, sagte er einem Reporter des «Spiegels»; das sei eine «Schlacht ums Überleben». Mindestens für die USA, wenn nicht für die ganze westliche Zivilisation. Jaeger war noch nie in Mexiko. Einer seiner Kameraden verwechselt dauernd Honduras mit Hungary, Ungarn. Trotz solcher Ignoranz sagt Jaeger etwas Bedenkenswertes: Jeder, der in einem anderen Land um Hilfe bettle, statt die Dinge im eigenen Land zu regeln, sei «eine Pussy».

Den Fatalismus überwinden

Es gibt in Zentralamerika einen tief unter die Haut geriebenen Fatalismus à la «Hundert Jahre Einsamkeit»: «Nichts ändert sich jemals zum Besseren, niemals.» Für diesen Fatalismus gibt es hundert Gründe; man bekommt sie da auch ewig zu hören. Aber es gibt auch hundert Gründe dagegen. Massnahmen, um im eigenen Haus tatsächlich dies und das «zu regeln». Vorneweg die Bildung deutlich zu verbessern, Lehrer und Lehrerinnen anständig zu bezahlen. Endlich die Stellung der Frauen radikal zu stärken; sie sind es, die letzte Reste von Zivilgesellschaft aufrechterhalten. Die oligarchische Kruste sprengen, ihre Demokratie-Maskeraden nicht länger dulden. Schleunigst die Wucherbürokratie behauen und damit jede Korruption im Keim ersticken – wie auch jeden Macho-Idiotenreflex zur Gewalt.

Den lateinamerikanischen Fluch – die Gewaltspirale – zu brechen, gelingt auf einem langen, festen Schrittes begangenen Weg: solide Demokratien aufbauen, dank Regeln, die für alle gelten, mit verlässlichen Parametern für die Wirtschaft. Ressourcen hats genug. Dafür gibt es Beispiele in Lateinamerika: Wer flieht aus Chile? Niemand. Und wer aus Venezuela? Hunderttausende. Wer floh nach Argentinien? Zehntausend Europäer, als Wirtschaft und Politik in «guten Lüften» (Buenos Aires) harmonierten. Und so weiter. Man kann den «Strom noch umdrehen» – tatsächlich. Sobald die Leute der Region einen Silberstreif sehen, einen vertrauenswürdigen Schimmer, ziehen sie nach Kräften mit, garantiert . . . Nein, nicht garantiert, aber sehr gut möglich – unter diesem an sich wunderbaren Stern des Südens.