Kommentar

Es gibt Licht am Schweizer Coronahorizont: Wir stehen besser da als die Österreicher

Wir stehen nicht gut da, aber es gibt Hoffnung. (Symbolbild)

Wir stehen nicht gut da, aber es gibt Hoffnung. (Symbolbild)

Die Ansteckungszahlen sind immer noch hoch. Trotzdem gibt es Anlass zur Hoffnung, dass die Schweiz mit ihrer vergleichsweise liberalen Haltung die Pandemie wieder in den Griff bekommt.

Die Prognosen waren furchteinflössend: In wenigen Tagen, so hiess es Anfang November von Seiten der wissenschaftlichen Taskforce und des Bundesamtes für Gesundheit, seien die Schweizer Intensivstationen überfüllt. Die Triage von Patienten werde unausweichlich.

Eine verstörende Vorstellung. Laut waren die Stimmen, die den Bundesrat drängten, endlich einen Lockdown zu verfügen, wie dies die meisten europäischen Länder bereits gemacht haben. Die Regierung hielt dem immensen Druck stand.

Was ist seither passiert? Die Todesfälle sind angestiegen – über das übliche Mass hinaus. Damit musste leider gerechnet werden. Die Zahl der Hospitalisationen und der Neuansteckungen jedoch sinkt. Und das sind in einer insgesamt sehr angespannten und fragilen Lage hoffnungsvolle Anzeichen für eine Besserung.

Vor allem aber darf man Mitte November vorsichtig festhalten:

Man sollte sich in dieser Pandemie nie zu früh festlegen, daran sind schon renommierte Epidemiologen gescheitert. Aber wenn nicht alles täuscht, scheinen die Schweizerinnen und Schweizer die Lektion gelernt und ihr Verhalten angepasst zu haben. Und das alles ohne drakonische Eingriffe in die persönliche Freiheit und in das Wirtschaftsleben. Selbst der helvetische Föderalismus blieb – im Unterschied zum hektischen Frühjahr – im Kern gewahrt. Während stark betroffene Kantone Läden und Beizen schliessen, stehen Regionen wie die Ostschweiz auf die regulatorische Bremse und setzen auf die Vernunft der Gesellschaft.

Für eine Bilanz ist es natürlich zu früh. Und angesichts der nach wie vor hohen Fallzahlen ist die strikte Befolgung der Abstands- und Hygieneregeln oberste menschliche und staatsbürgerliche Pflicht.

Sollte es der Schweiz mit ihrem freiheitlichen, liberalen Ansatz der Pandemiebekämpfung aber in den kommenden Tagen und Wochen gelingen, das Schlimmste abzuwenden, gleichsam die Trendwende zu schaffen, wäre dies ein starkes Zeichen, ja eine Genugtuung für uns alle.

Als Politiker ist es einfacher, in einer unübersichtlichen Lage den harten Hund zu markieren. Der französische Präsident Macron hat sich, ganz der Tradition des Landes entsprechend, als Beschützer des Volkes inszeniert. In Deutschland, auch das ein Land mit einer vergleichsweise ausgeprägten Autoritätsgläubigkeit, hat man nach der ersten Welle den Weg heraus aus der staatlichen Bevormundung nie eingeschlagen. Die Massnahmen der Berliner Regierung sind seit Monaten strikter als jene in der Schweiz. Dennoch infizieren sich auch dort wieder mehr Menschen mit dem Virus. Und in Österreich, wo ebenfalls härtere Einschnitte in Kraft sind als hierzulande, steigen die Zahlen gerade besonders massiv an, so dass die Regierung von Bundeskanzler Kurz am Samstag wohl die erneute Schliessung der Schulen verordnen wird.

Das österreichische und das deutsche Beispiel zeigen, dass wir uns von der Vorstellung lösen sollten, diese Pandemie sei rational stets erklär- und damit politisch feinmaschig steuerbar. Es gibt Entwicklungen, die kann man nicht abschliessend begründen. Die Evidenz gewisser Massnahmen ist fraglich. Wo Zahlen sinken sollten, steigen sie. Wir lernen ständig dazu.

Prognosen und Einschätzungen basieren auf Momentaufnahmen. Wägen wir uns also nicht in Sicherheit. Das wäre fahrlässig und töricht. Aber das sind sich die pflichtbewussten Schweizer ja bewusst.

Glück wiederum fördert die mentale und physische Gesundheit. Wir haben also die besten Voraussetzungen, diese Pandemie wieder in den Griff zu bekommen: Eine Regierung, die nicht von staatlicher Allmacht fantasiert. Bürgerinnen und Bürger, die, wenn es darauf ankommt, verantwortungsbewusst handeln. Angela Merkel würde jetzt sagen: «Wir schaffen das».

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