Ende Januar war es wieder so weit: Die Solothurner Filmtage gingen zu Ende und sie hinterliessen – wie immer – einen Einbruch des Adrenalin- und Dopaminspiegels in unserem Kulturbetrieb. Es ist der berüchtigte «post festival animal triste»-Effekt.

In dieser Zeit müssen wir als Betrieb Bilanz ziehen. Event-Organisation ist ein dynamisches Geschäft, das stete Neuerungen bedingt. Das ist aufregend – und doch fürchte ich genau in dieser Zeit die Routine. Oder anders gesagt: Ich fürchte den Optimierungs-Reflex. Dieser will die bestehenden Abläufe verbessern, was durchaus ehrbar ist. Aber für neue, manchmal radikale, Ideen braucht es etwas anderes: schöpferische Energie.

In diesem Punkt kann ein Betrieb von der Kultur lernen. Erneuerung treibt Kulturschaffende seit Jahrhunderten an. Geordnete Bahnen zu verlassen, das Bewährte neu zu verhandeln: Darin gründen schöpferische Prozesse. Und genau diese werden im betrieblichen Umfeld oft der Produktivität und nicht der Kreativität unterworfen. Obwohl es meist Letztere ist, die am Ende zu nachhaltigen Veränderungen führt.

Für die Kultur ist Innovation eine unabdingbare Voraussetzung. Kultur ist nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft, viel wichtiger ist ihre Funktion als Motor gesellschaftlicher Entwicklungen. Kultur hilft bei der Imagination von Neuem, Noch-nie-Gewesenem. Sie zwingt uns, Dinge zu hinterfragen und unkonventionell zu denken.

Innovationsworkshops zeigen oft die Grenzen der Kreativität auf

Dies in einem Betrieb – auch einem Kulturbetrieb – zu tun, ist umso schwieriger, je besser der Laden läuft. Im «Courant normal» schwimmen viele Ideen dahin. Es kann sein, dass ein toller Einfall unverhofft am Kaffeeautomaten, während einer Sitzung oder beim Beantworten von E-Mails auftaucht. Doch in der Regel braucht es für Reflexion Ressourcen, vor allem Zeit und Bewusstheit.

Und selbst dann: Ist das Teambrainstorming aufgegleist, heisst dies noch lange nicht, dass die Ideen einfach so sprudeln. Innovationsworkshops fördern oft als Erstes die Grenzen unserer Kreativität zutage: was schon ausprobiert wurde, was nicht funktioniert hat, was naheliegend, aber nicht bahnbrechend ist. Wie also schafft man ein schöpferisches Klima?

Auch hier lohnt sich ein Blick auf die Kultur und die Rahmenbedingungen, in denen sie entsteht. Es ist kein Zufall, dass überraschende Arbeiten von Kulturschaffenden häufig in ausländischen Residenzen entstehen. Die Inputs von aussen stimulieren den Output von innen. Doch es muss nicht gleich eine Betriebsreise nach Indien sein. Oft genügt es, einen Gast aus einem fachfremden Gebiet einzuladen, der dann nicht bloss referiert, sondern vor allem Fragen stellt – ganz viele Fragen.

Es braucht viele Ideen, bis eine brillant ist – oder so scheint

Das Verflixte – und das Magische – an Innovation ist: es gibt keine Garantie und kein Rezept für ihre Entstehung. Sie ist, wie gelungene Kultur, nicht planbar. Und es braucht oft viele Ideen, bis eine brillant ist – oder zumindest so scheint. Im Gegensatz zur Prozess-Optimierung ist bei Innovation Mut gefragt. Mut, Dinge auszuprobieren, bei denen völlig offen ist, ob sie funktionieren werden.

Noch viel mehr Mut braucht es, sich einzugestehen, dass die Ideen, die grossartig schienen, doch nicht so toll sind. Wenn Scheitern nicht als Niederlage, sondern als Teil des Prozesses verstanden wird; wenn Fehler erlaubt, ja erwünscht sind. An diesem Punkt erst entstehen fruchtbare, entwicklungsfreudige Betriebskulturen.

Es scheint paradox, doch gerade in einem Kulturbetrieb ist die Gefahr einer konservativen Betriebskultur besonders gross. Ein Grund ist der Trugschluss, dass Kulturbetriebe dadurch, dass sie Kultur vermitteln, a priori innovativ sind.

Hinzu kommt: Der Druck für subventionierte Kulturbetriebe, Steuergelder möglichst effizient einzusetzen, ist heute so gross wie nie zuvor. Die Forderung nach Effizienz-Steigerung widerspricht jedoch der Forderung nach Erneuerung. Auch ein Kulturbetrieb kann sich nur entwickeln, wenn er sich immer wieder daran orientiert, was er selber von den Künstlerinnen und Künstlern fordert: echte, kompromisslose und unablässige Neugier.