Kommentar

Entschädigungen bei ÖV-Verspätungen: Die Schweiz hat höhere Ansprüche

Der Lösungsvorschlag des Bundesrats taugt nichts. Er ist nicht auf die Schweiz abgestimmt und dient nur wenigen.

Geht es um die Pünktlichkeit ihrer Züge, lassen sich die Schweizer von niemandem etwas vormachen. Trotzdem kämpften zuletzt auch die Bundesbahnen immer wieder mit Verspätungen. Da trifft es sich gut, dass nun die Rechte der Passagiere gestärkt werden sollen.

Doch die Lösung, die der Bundesrat vorschlägt, dient nur wenigen. Reisende sollen bei Verspätungen von über einer Stunde einen Viertel des Billettpreises zurückerhalten, bei solchen von mehr als zwei Stunden immerhin die Hälfte. So weit entspricht der Rechtsanspruch dem Minimalstandard der EU.

Solch massive Verspätungen sind hierzulande aber selten; auch deshalb, weil das durchgetaktete Schweizer Netz im Vergleich mit den Netzen der grossen Nachbarländer winzig ist. Je länger eine Strecke ist, desto schneller summieren sich Verspätungen auf.

Geradezu skurrile Folgen hat der Umstand, dass nur Entschädigungen ab einem Betrag von 10 Franken ausbezahlt werden. Das heisst nämlich: Ein Billett muss mindestens 40 Franken kosten, damit Betroffene von Verspätungen den Anspruch auf Entschädigung geltend machen können. Für diesen Betrag fahren Halbtax-Reisende fast 300 Kilometer.

Der Bund erklärt die Schwelle mit Effizienzgründen. Ansonsten wäre der administrative Aufwand zu gross, heisst es. Das mag zutreffen. Dann wäre es jedoch ehrlicher, die Übung ganz abzubrechen. Die vorgeschlagene Regelung wird den hohen Pünktlichkeitsansprüchen in der Schweiz nicht gerecht.

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Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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