Am 2. November 2018, an einem Freitagmorgen, sass ich um 9.22 Uhr im Glattzentrum in Wallisellen meiner Frau gegenüber, bei einem Kaffee, als sie mir eröffnete: «Ich lasse mich von dir scheiden.» Es war ein Schock, der mich unvorbereitet traf, wenn auch nicht gänzlich. Ich habe schon gespürt, dass sie seit einiger Zeit nicht mehr glücklich war und bei mir verhielt es sich ähnlich. Wir Männer sind jedoch Meister beim Verdrängen, Ignorieren sowie Selbstbelügen – und ich bin sicherlich ein Schweizer Meister.

Wer verlassen wird, geht durch verschiedene emotionale Phasen: Unglaube («Sie will mich doch nicht im Ernst verlassen!») – Enttäuschung («Wie kann sie alles zerstören?») – Zorn und Wut – Verzweiflung («Und jetzt, wie weiter?») – Leere («Es macht alles keinen Sinn mehr.») – Akzeptanz («Die gemeinsame Reise geht zu Ende.») – Trauer («Wir haben es vermasselt.»). Diese Phasen können sich überschneiden und wiederholen.

Seit Jahren hatte ich keine Zeit, mich ernsthaft um ihr Glücklichsein zu kümmern (oder um mein eigenes). Immer gab es irgendetwas anderes, das Vorrang hatte. Ein Beispiel ist meine Amtszeit als Dekan, die ich verlängert habe, ohne es mit ihr zu besprechen: ein Riesenfehler, denn sie war ja auch betroffen – und es war respektlos. Ich bin nicht der Einzige, der Fehler in unserer Ehe machte, allerdings verantworte ich ohne Zweifel die Mehrzahl.

Scheidungen sowie Trennungen führen zu Gefühlschaos. Wenn eine neue Partnerschaft im Spiel ist, macht es dies nicht einfacher, sondern komplexer, denn es mag eine weitere Emotion hinzukommen: schlechtes Gewissen. Sollten Kinder vorhanden sein, führt dies zu zusätzlichen Tiefpunkten und -schlägen; nicht grundlegend anders verhält es sich übrigens bei Haustieren, die ohne «Besuchsrecht» entzogen werden.

Diese Scheidung ist nicht meine erste, indes die erste, die mir den Boden unter den Füssen wegzieht, wobei ich selber schuld bin, gerade auch für die Alltagsfolgen. Als 54-Jähriger erweise ich mich als etwas lebensuntauglich: von der Mutter zur Freundin, zur Freundin, zur etc., zur Ehefrau, zur Ehefrau. In den letzten 40 Jahren war ich niemals Single, sodass ich diesen neuen Zustand als «Herausforderung» empfand – oder schlicht als «Scheisse».

Mit Scheidungen sind oft existenzielle Sorgen verbunden, für beide Seiten. Finanzen stellen eines der unangenehmsten Themen dar, die zu diskutieren sind. Während die Teilungen der Errungenschaften und der Pensionskassenansprüche simple, wenn auch teure Rechenaufgaben darstellen, verhält es sich anders bei den Frauen- sowie Kinderalimenten. Was ist recht, was ist richtig, was ist legal, was ist legitim? Viel Wahres ergibt sich aus dem Bonmot: «Besser nicht scheiden – noch besser: nicht heiraten».

Ihr Auszug aus unserer Wohnung wirkte für mich immerhin charakterbildend. Heute habe ich den Haushalt mehr oder weniger im Griff, bin zum Meisterkoch geworden: für Toast Hawaii. Vorher hatte ich nie meine Wäsche gemacht, keine Ahnung vom Kochen und Putzen: Was ist das? Einkauf in der Migros: Zeitaufwand knapp zwei Stunden. Es war anfänglich eine Herausforderung (oder eben Schei…). Viele Leser(innen) werden denken: «Recht geschieht ihm» oder: «Wird auch Zeit». Ich kann nicht widersprechen.

Bei langjährigen Beziehungen erscheint es tragisch, wenn sich ehemals Verliebte entlieben und sogar bekämpfen. Dass sich Ehe- und sonstige Partner mit den Jahren aneinander gewöhnen, ist nicht schlecht, im Gegenteil. Das Bestmögliche und das Schlechtestmögliche zu kennen, vermag Beziehungsstress zu beruhigen. Wenn Ehen oder Beziehungen beendet werden, wäre es schön, wenn ein Trostpreis bliebe: die Freundschaft. Doch wer schafft (und will) dies wirklich, nach dem Ende der Trauerphase?

Ich hatte und habe bloss wenige Freunde, dafür nahm ich mir ebenfalls kaum Zeit. Dies war ein Lebensentscheid, mit dem ich bis anhin gut lebte. Ich brauchte immer nur einen «wahren Freund»: meine jeweilige Partnerin. Doch es muss sich für die Zukunft ändern, und somit bleibt fast nur, was Büne Huber besingt: «Lue, der Zueg fahrt us der Stadt – Irgendwo hi, wo du niä würsch härägah – Di niä würdsch niderlah – Dert fahni es ganz nöis Läben aa – Dert fahni nomau vo vore-n-aa». Alles Gute, Eveline!