Mail aus Amerika (15)

Die Sache mit der Hymne

Patrik Müller: «Was Sportfans in Europa nur bei Länderspielen erleben, ist in den USA bei jedem Match der Basketball-, Football, Eishockey- und Baseball-Liga ein routiniertes und zugleich emotionales Ritual.» (Archivbild)

Patrik Müller: «Was Sportfans in Europa nur bei Länderspielen erleben, ist in den USA bei jedem Match der Basketball-, Football, Eishockey- und Baseball-Liga ein routiniertes und zugleich emotionales Ritual.» (Archivbild)

«Nordwestschweiz»- und «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller hält sich zurzeit für eine Weiterbildung in Boston auf. In seinem Mail aus Amerika schreibt er heute über das amerikanisch-emotionale Ritual der Nationalhymne.

Stellen Sie sich vor, das Hallenstadion würde vor jedem ZSC-Spiel abgedunkelt, Hunderte von Schweizerkreuzen würden ins Publikum gebeamt, alle Zuschauer stünden auf, und eine Sängerin in rot-weissem Glitzerkleid würde «Trittst im Morgenrot daher» singen. Derselbe Eröffnungsakt fände in allen anderen Eishockey- und auch in allen Fussballstadien statt.

Was Sportfans in Europa nur bei Länderspielen erleben, ist in den USA bei jedem Match der Basketball-, Football, Eishockey- und Baseball-Liga ein routiniertes und zugleich emotionales Ritual. Ich besuchte zwei gewöhnliche Meisterschaftsspiele der Boston Celtics (Basketball) und der Boston Bruins (Eishockey), aber die Nationalhymne vermittelte das Gefühl, hier gehe es um enorm viel.

In den zwei oder drei Hühnerhaut-Minuten vereinigen sich zwei amerikanische Talente: Das Inszenieren einer Show und das Zelebrieren des Nationalstolzes. Patriotische Gefühle sind keine Frage von blau (Demokraten) oder rot (Republikaner), sondern amerikanische Selbstverständlichkeiten jenseits der Ideologie. Zumindest im Sport. Und zumindest bis jetzt.

Denn in diesen aussergewöhnlichen Zeiten werden selbst die Sportarenen zu politischen Kampfzonen. Vor wenigen Tagen haben die Besitzer der 32 Football-Teams der NFL beschlossen, dass die Spieler während der Nationalhymne stehen müssen. Vereinzelt war es vorgekommen, dass schwarze Spieler auf dem Feld nicht aufrecht standen, sondern in die Knie gingen.

Sie protestierten damit, wie sie sagten, gegen Polizeigewalt und Rassismus. Die Aktionen waren keine grosse Sache – bis US-Präsident Donald Trump sich einschaltete. Auf Twitter kritisierte er die «Missachtung der US-Flagge» und meinte, solche Spieler gehörten «gefeuert». Denjenigen Spieler, der als erster niederzuknien begann, bezeichnete Trump als «Hurensohn».

Erst nach der präsidialen Intervention kamen die Proteste ins Rollen: Auf einmal knieten mehr Spieler nieder. Und nun also, während die Meisterschaft gerade ruht, ist die NHL mit ihrem Steh-Befehl «vor Trump in die Knie gegangen», wie es ein Spieler-Gewerkschafter ausdrückte. Seit Tagen wird darüber giftig debattiert.

Viel ist in den Medien die Rede davon, dass russische Social-Media-Propagandisten in den USA Zwietracht säen und das Land spalten. Die Hymnen-Affäre zeigt, dass das die Amerikaner auch ganz allein zustande bringen.

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