Gastkommentar

Die Computer hören auf, mit Nullen und Einsen zu rechnen – auch die Welt tickt nicht mehr binär

Alles in Überlagerung: Computer hören auf, mit Nullen und Einsen zu rechnen.

Alles in Überlagerung: Computer hören auf, mit Nullen und Einsen zu rechnen.

Alles in Überlagerung: Der Quantencomputer läutet einen Paradigmenwechsel ein. Eine Veränderung unserer Lebensverhältnisse.

Noch neun Monate bis zur US-Präsidentschaftswahl. Die Diskussion über die gesellschaftliche Spaltung der USA ist in vollem Gange. Es gibt schwarz oder weiss, aber kaum Grautöne mehr. Das binäre politische Denken und Handeln hat Donald Trump nicht erfunden, wohl aber kräftig genährt. Historisch gibt es viele Beispiele für das Denken in Gegensätzen.

Europa hat Jahrzehnte in der Trennung des Kalten Krieges gelebt, zwischen den Alternativen Ost und West. Schon im Matthäus-Evangelium steht geschrieben: «Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.»

Der Siegeszug des digitalen Computers seit den Fünfzigerjahren hat unser Weltverständnis da nur konsequent ergänzt: Jedes Wort, jedes Bild und jeder Ton lassen sich in ein Entweder/Oder, eine Reihe von Nullen und Einsen verwandeln.

Die Welt ist binär.

Als Google im Herbst kundtat, man habe «Quantum Supremacy» erreicht, war das ein Vorbote für einen bevorstehenden Paradigmenwechsel, einen grundsätzlichen Wandel unserer Lebensverhältnisse. Hinter dem martialischen Begriff verbirgt sich enorme Rechenleistung: Googles Quantencomputer «Sycamore» brauchte 200 Sekunden für eine Aufgabe, für die der derzeit weltbeste Supercomputer, gebaut von IBM, 10 000 Jahre benötigen würde.

Quantencomputer unterscheiden sich sehr grundsätzlich von bisherigen Computern. Sie sind nicht nur viel schneller, sondern können Millionen von Berechnungen gleichzeitig vornehmen. Sie arbeiten nicht mit dem Bit als Informationseinheit in der Unterscheidung von 0 und 1, sondern mit Quanten-Bits. Diese Qbits können alle Zustände zwischen 0 und 1 annehmen.

Zukünftige Computer werden sich also aus den Fesseln des binären Codes befreien und sich für alle vorstellbaren Überlagerungszustände öffnen, Superposition genannt. IBM-Chefin Ginni Rometty sagt dazu: Quantum ist die physikalische Variante von «Shades of grey» (und es sind mehr als 50).

Der österreichische Physiker Erwin Schrödinger hat in einem Gedankenexperiment 1935 am Beispiel einer Katze versucht, die Regeln der Quantenphysik auf die materielle Welt anzuwenden. Gelänge das, müsste man die Katze in einen Zustand versetzen können, in dem sie gleichzeitig tot und lebendig wäre. Das klingt absurd.

Und doch steckt in diesem Paradoxon der Qbits eine Erkenntnis, die unseren Blick auf die Welt auch jenseits der Computertechnologie verrückt.

«Bisherige Computer arbeiten, wie wir eine Münze werfen», sagt der US-Journalist und «New York Times»-Kolumnist Tom Friedman. «Heraus kommt immer Kopf oder Zahl. Beim Quantencomputer dreht sich die Münze endlos auf dem Tisch, dabei sind immer beide Seiten präsent.» Für Sundar Pichai, CEO von Alphabet und Google, arbeitet auch die Natur in vielerlei Hinsicht wie ein Quantencomputer.

Nicht mit der binären Unterscheidung zwischen 0 und 1, sondern mit vielen Zwischenzuständen. «Quantum wird es uns erlauben, die Welt tiefergehend zu verstehen und zu simulieren», so Pichai.

Die tickt nämlich längst nicht mehr binär. Nicht mehr entlang der traditionellen Unterscheidungen zwischen konservativ und progressiv, zwischen links und rechts, vergangenheits- und zukunftsorientiert. Es gibt unzählbare Zwischenzustände, die sich überlagern und verschränken. Die Welt ist im Quantenzustand.

Traditionelle Institutionen, Politik, Wirtschaftsordnung, auch die Medien, kommen damit noch nicht klar. Sie werden es lernen müssen. Mehr Zwischentöne und weniger Absolutismus in dem, was wir sagen und tun, würde vieles nicht nur besser, sondern vielleicht sogar schneller machen. Niemand muss dann Angst vor «Quantum Supremacy» haben.

Der Begriff gehört auf den Müll der binären Welt. In der Quantenwelt ist Vormacht immer nur die Vorstufe für das, was danach kommt.

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