Waren Sie schon einmal in Monaco? Wenn nicht, so haben Sie nicht viel verpasst. Eigentlich nichts. Falls ja – ist das nicht ein total surrealer Ort? Ein rasender Irrsinn des Geldes und der Selbstdarstellung? Eine völlige Verschmelzung gar von Selbst und Geld? Und im Grunde wahnsinnig hässlich? Was sofort die Frage nahelegt: Macht zu viel Geld hässlich? Gut, kann sein, dass der Schlosshügel, wo einst Grace Kelly unglücklich war, recht schön ist, jedenfalls sah er von weitem so aus, aber der Rest von Monaco ist – na ja, versuchen wir’s mal höflich – anders.

Es ist ein ganz normaler Tag im Juni, und der Rest von Monaco beginnt zwischen Bahnhof und Meer mit einer Unterführung. Die komplett verspiegelt ist. Etwas vom Ersten, was der Mensch in Monaco also sieht, sind nicht Geschäfte oder Werbeplakate oder Strassenmusiker oder was sich sonst so in einer Unterführung tummelt. Nein, er sieht, was er am liebsten sieht, sich selbst. Und dann ist die Unterführung zu Ende, und er steht vor der Rennstrecke des Grand Prix von Monaco inklusive Zuschauertribünen. Er weiss: Sebastian Vettel! Lewis Hamilton! Männer in Boliden! Auf der Greta-Thunberg-Skala der Umweltverträglichkeit würde diese Grand-Prix-Strecke eine glatte Null kassieren. Ebenso wie der Jachthafen dahinter. Wahrscheinlich der grösste Jachthafen Europas. Auf Hochglanz polierte weisse Ungetüme liegen da, auf denen eine Armee von Personal mit Putzen, Dekorieren und Kochen beschäftigt ist.

Im Hafen sitzt eine reglose alte Frau auf einem Klappstuhl. Sie ist teuer in Weiss gewandet, trägt etwas Futuristisches im Gesicht, keine Sonnenbrille, eher eine Sonnenabwehranlage, und ist derart bewegungsunfähig, dass ihr eine Krankenschwester Wasser einflössen muss. Neben ihr steht ein viel jüngerer Mann, ihr Butler oder Lover oder beides, und hält einen weissen Schirm über sie. Keine Ahnung, was die Lady in White, deren Mumifizierung vielleicht schon eingesetzt hat, überhaupt wahrnimmt. Ihre Jacht?

Ein paar hundert Meter weiter oben in der auf einen Felsen gebauten Fürstenstadt findet im Casino eine Konferenz statt, mit dem Titel «World Leaders of Innovation» oder ähnlich. Touristen warten vor dem Casino in der Bruthitze und versuchen, einen Blick auf die Weltführer zu erhaschen. Hinter dem Casino steht, bloss zum Spass, ein riesiger Parkplatz voll mit den teuersten Autos der Welt, Spezialmodelle in Spezialfarben. Wie schillernde Käfer haben sie sich versammelt, und gelegentlich kriecht einer davon, wird von einem aparten jungen Mann einmal ums Casino und wieder auf den Parkplatz gefahren, wo sich Menschen vor die Autos stellen und einander fotografieren.

Monaco heisst Glanz und Gloria, heisst Glotzen und Glitzern, ist eine Stadt, die tausend Spiegel bereithält, in denen sich alle begeistert betrachten. Und darüber die Fähigkeit vergessen, den Rest der Welt zu reflektieren. Im Grunde ein deprimierender Ort. Schon klar, war Grace Kelly da nicht glücklich.