Analyse

Der Fünf-Rappen-Schubser

Coop Säckli Plastiksäckli Plasticksäcke Plastik Raschelsäcke fünf Rappen kosten Detailhändler (Videostill)

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Eine Analyse von Fabian Hock, Ressortleiter Ausland, zum Einbruch der Nachfrage nach den Plastiksäckli bei Migros und Coop.

Gäbe es einen Unbeliebtheitswettbewerb unter allen Dingen, die wir täglich mit uns führen, stünde der Sieger wohl fest: Der Fünfräppler. Gibt es etwas Unbrauchbareres?

Mit der Münze lässt sich schlicht nichts kaufen, selbst der Kaffeeautomat verweigert sich. Nicht mal seine Farbe ist die von «richtigem» Geld. Erspähen wir den Fünfräppler in unserer Geldbörse, blicken wir voller Mitleid herab und denken: du armes Würstchen. Was soll ich nur mit dir? Nicht mal einen Kaugummi bringst du mir ein, wenn ich dich zum Tausch anbiete. Es soll gar Menschen geben, die das Fünfrappenstück im Papierkorb entsorgen, wenn sich mal eines in ihr Portemonnaie verirrt.

Immerhin übersteigt der Wert des Geldstücks inzwischen seine Produktionskosten. Vier Rappen kostet die Herstellung einer in Kupfer-Aluminium-Nickel getauchten Münze. Das war nicht immer so: Noch vor zwölf Jahren war kein Fünfräppler für fünf Rappen zu produzieren.

Damals, 2005, stand die in Rebenlaub gerahmte «5» gar vor dem Aus: Wirtschaftsverbände und die SBB plädierten für die Abschaffung des Einrappen- und des Fünfrappenstückes. Getroffen hat es letztlich nur den Schwächsten. Doch auch das hilft dem Fünfer nicht: Den Fünfräppler empfinden die meisten als überflüssig. Er ist der Aussenseiter, mit dem keiner spielen will. Das Kuckuckskind im Geldkreislauf. Ein Nichtsnutz.

Bis gestern. Da nahm das traurige Schicksal des Fünfräpplers eine dramatische Wende zum Guten. Daran nicht unwesentlich beteiligt sind Migros, Coop – und ein Nobelpreisträger.

Das Preisschild an den Säckli fanden viele lächerlich – zu Unrecht

Begonnen hat der wundersame Wandel des Fünf-Rappen-Stücks bereits vor 366 Tagen. Gestern auf den Tag genau ein Jahr ist es her, seit die Migros einen wegweisenden Entscheid traf: Die Plastiksäckli an der Kasse soll es nicht mehr umsonst geben. Daran nicht ganz unschuldig war die Politik: Sie machte den Händlern Druck.

Die Migros beugte sich als Erste und hängte ein Preisschild an die Säckli: 5 Rappen pro Stück. Lächerlich, fanden damals viele. «Fünf Rappen retten nichts», meinte eine grosse Boulevardzeitung mit Blick auf das Ende des Gratissacks und der damit verbundenen Hoffnung, man tue der Umwelt etwas Gutes. «Wegen einer Münze, von der ich nicht weiss, ob es sie überhaupt noch gibt, mache ich mir nicht die Mühe, zu Hause den Einkaufskorb zu holen», hiess es weiter.

Kleine Münze, grosse Wirkung: Um 80 Prozent sank die Nachfrage

Zum gestrigen Jahrestag wurde nun bekannt, wie stark die Nachfrage tatsächlich zurückging, seitdem Kundinnen und Kunden die so beliebten Säckli für einen einzigen ihrer lästigen Fünfräppler eintauschen können: Um sage und schreibe 80 Prozent. Eine Riesenüberraschung! Man fragt sich, wie kann das sein? Fünf Rappen sind, wie wir ja nun wissen, im Grunde gar kein richtiges Geld. Trotzdem reicht der kleine Schubser aus für eine überwältigende Wirkung.

Weniger Raschelsäckli wegen 5 Rappen

Weniger Raschelsäckli wegen 5 Rappen

Seit einem Jahr kosten Plastiksäckli der Umwelt zuliebe 5 Rappen – mit Erfolg. Seit der Einführung der Kostenpflicht ging der Verbrauch um 80% zurück.

Die Erklärung geht so: Statt ein Gesetz zu verabschieden, schubste die Berner Politik die Migros ein wenig an. Die legte sich dann, gemeinsam mit Coop und anderen grossen Detailhändlern, eine Selbstverpflichtung auf. Dann schubsten sie ihrerseits – und verlangten von den Kunden den lächerlichen Betrag von 5 Rappen.

Und siehe da: Es funktioniert! Einer, der wenig überrascht sein dürfte, dass die Schubserei in Schweizer Supermärkten tatsächlich etwas bewirken kann, ist Richard Thaler. Dass ein kleiner Schubs zur rechten Zeit enorme Folgen haben kann, ist seine Theorie. Dafür bekam der Ökonom aus Chicago in diesem Jahr den Wirtschaftsnobelpreis. Migros und Coop haben diese nun auf kleinstmöglicher Ebene bestätigt: mit dem Plastiksäckli für 5 Rappen.

Die Säckli, die nun an den Kassen liegen bleiben, taugen derweil längst nicht nur als Beweis einer nobelpreisdekorierten Theorie. Dank dem 5-Rappen-Schubser spart allein Coop laut eigenen Angaben jährlich 850 Tonnen Neu-Plastik ein. Plastik also, das am Ende nicht im Meer landet. Ein klein wenig in die richtige Richtung geschubst, retten wir die Welt. Dem Fünfräppler sei Dank. Daran sollte denken, wer beim Anblick der Münze von Mitleid übermannt wird – oder vom Gedanken an den Papierkorb. Ein unterschätzter Held sitzt da im Portemonnaie.

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