Das Medieninteresse war gross, als diese Woche vor dem Zuger Kantonsgericht die ehemalige Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin und der Zürcher Ringier-Verlag aufeinandertrafen. Die Zuger Justiz hat ganz konkret die Frage zu beantworten, ob der «Blick» Spiess-Hegglin und Ex-Kantonsratskollege Markus Hürlimann (SVP) namentlich und mit Bild im Zusammenhang mit den Vorkommnissen an der Zuger Landammannfeier 2014 nennen durfte. «Hat er sie geschändet?», titelte das Blatt just zu Weihnachten und gab damit den Startschuss zu einer beispiellosen Medienlawine, an deren Spitze sich der «Blick» mit über 200 publizierten Artikeln gleich selber setzte.

Der Gegenstand des Prozesses wird oft missverstanden. Es geht nicht um die Frage, ob dieses oder jenes, was der «Blick» zur Sache veröffentlichte, zutraf (vieles tat es nicht), ob es geschmackvoll war (das meiste war es nicht) oder ob es relevant war (fast nichts war es). Es geht auch nicht um die Frage, was in jener Nacht genau geschehen war; die Justiz hat die Ermittlungen zu diesem Thema ergebnislos ad acta gelegt und sowohl Hürlimann als auch Spiess-Hegglin von Vorwürfen entlastet. Was die Strafverfolger nicht aufzuklären vermochten, wird auch der Zivilprozess nicht ausleuchten können. Die Frage ist ausschliesslich die: Was darf ein Medium in einer solchen Situation schreiben?

Das Thema ist ein viel diskutiertes, zumal die Schweiz derzeit eine Klagewelle von Politikern gegen Medien und Journalisten erlebt. Die Staatsräte Pascal Broulis (FDP/ VD) und Pierre Maudet (FDP/GE) streiten sich mit dem Zürcher Medienkonzern Tamedia. Der Walliser Staatsrat Christophe Darbellay (CVP) wiederum hat ein Publikationsverbot zu Fragen rund um seinen unehelichen Spross gegenüber der «Weltwoche» vorläufig durchgesetzt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Journalisten das öffentliche Interesse im Zweifelsfall stärker gewichten als das private. Wer die Rolle der vierten Gewalt im Staat spielt, der muss Dinge ans Licht bringen, die den Betroffenen unangenehm sind.

So sehr Medien allerdings gehalten sind, Öffentlichkeit herzustellen, so sehr gilt es den Imperativ der Transparenz auch immer kritisch zu hinterfragen. Zu unterscheiden ist zwischen der Sensation und der Information. Es ist dies bisweilen eine feine Linie. In den Fällen Broulis und Maudet geht es im Kern um mutmassliche Verfehlungen im Amt. Wer aber ein öffentliches Amt bekleidet, der muss es sich gefallen lassen, dass seine Tätigkeit kritisch hinterfragt und allfällige Devianzen publik gemacht werden. Es ist dies der Kern der hygienischen Aufgabe der Medien.

Etwas komplexer ist die Sache im Fall Darbellay. Der Familienpolitiker hat nicht nur seinen Seitensprung mit Kindsfolge selber öffentlich gemacht, er hat mitten im Wahlkampf zum Walliser Staatsrat medienwirksam gelobt, sich um das Kind zu kümmern. Wenn nun Zweifel aufkommen, ob er sich an seine Versprechungen hält, so ist das deshalb nicht einfach seine Privatsache. Wer Intimes öffentlich macht, der kann sich später nicht mehr ohne weiteres auf den Schutz der Privatsphäre berufen.

Und der Fall Spiess-Hegglin? Der Anwalt Ringiers hat sich zur Aussage verstiegen, wenn politische Opponenten sexuellen Kontakt hätten, so sei das von öffentlichem Interesse. Mit Verlaub: Je nachdem, was nun in jener Nacht geschehen ist, ist das entweder eine erbärmliche Verhöhnung oder aber eine bemerkenswert dümmliche Generalaussage. Auch Politiker müssen es sich nicht gefallen lassen, dass der Boulevard unter die Bettdecke leuchtet. Sensationslust und Voyeurismus mögen menschlich sein; als Leitfaden für die Berichterstattung taugen sie aber nicht.

Es wird interessant sein, wie sich die Justiz in den genannten Fällen verhält. Günstig wäre es, wenn in der Summe eine Schärfung jener Linie zwischen Privatsphäre und öffentlichem Interesse resultierte, ohne dass dabei das wohlverstandene Informationsinteresse der Öffentlichkeit beschnitten wird. Je klarer diese Linie in der Rechtsprechung ausfällt, je kleiner der Graubereich bleibt, desto einfacher wird es in Zukunft sein, zwischen Publikation und Schweigen zu entscheiden. Das stärkt auch die Medien. Denn wer sich auf sicherem juristischem Grund weiss, der braucht auch die leider epidemischen Klageandrohungen empfindlicher Politiker und Wirtschaftskapitäne weniger zu fürchten.

Die derzeitige Prozessflut dient damit längerfristig der Öffentlichkeit, sie dient den Politikern, sie dient den Medien. Am Ende aber, auch das ist klar, ersetzt das Recht niemals die Moral. Und schon gar nicht das geschulte Urteilsvermögen eines qualitativ hochwertigen Journalismus. Auch dies macht ihn wertvoll und unersetzlich.

pascal.hollenstein@schweizamwochenende.ch