Tabakkonsum

Das Ende der Zigarette?

Hat der Marlboro-Man bald ausgequalmt?

Hat der Marlboro-Man bald ausgequalmt?

Die Meldung ist eine echte Sensation: Der CEO des amerikanischen Zigarettenherstellers Philip Morris (Marlboro), André Calantzopoulos, hat letzte Woche am englischen Radiosender BBC 4 erklärt, sein Konzern werde längerfristig keine klassischen Zigaretten mehr herstellen. Man setze künftig voll auf die elektronische Zigarette, die bekanntlich nur noch Nikotin (mit Dampf) transportiert. Dabei hat er ein Geständnis abgelegt, das man tief inhalieren sollte: «Wir fabrizieren ein Produkt (Zigaretten), das Krankheiten verursacht und ich denke, die erste Verantwortung, die wir haben, ist es, sobald die entsprechende Technologie zur Verfügung steht, und heute ist das der Fall, Produkte wie dieses (elektronische Zigarette) zu entwickeln und zu kommerzialisieren.»

Statt «Krankheiten verursachen» hätte der Philip-Morris-CEO auch offen sagen können, dass Rauchen Menschen umbringt und zwar zu Hunderttausenden, wie er weiss. Das halbherzige Geständnis bedeutet immerhin schon sehr viel. Nämlich dass die Zigarettenindustrie endlich zugibt, dass sie extrem reich geworden ist durch die Verbreitung eines Giftes, das süchtig und krank macht.

Ein Heer hoch bezahlter Lobbyisten

Ich weiss nicht, was diese Leute für Moralvorstellungen haben: Man weiss seit den Sechzigerjahren, dass das Zigarettenrauchen direkt für tödliche Krankheiten wie Lungenkrebs, Emphyseme und schwere Herz- und Kreislaufbeschwerden verantwortlich ist. Doch die Hersteller haben ein ganzes Heer von hoch bezahlten Lobbyisten und Anwälten aufgeboten, um sich gegen jede gesetzliche Einschränkung der Zigarettenwerbung und des Verkaufs des tödlichen Stoffs zu wehren. Zum Glück vergebens, heute steht auf jedem Päckli, dass Rauchen tötet.

Aber blenden wir zurück: Ich erinnere mich gut, wie sich noch in den Sechzigerjahren medizinische Institute gegen hohe Entschädigungen dafür einspannen liessen, wider besseres Wissen nachzuweisen, dass die Zigarette nicht gesundheitsschädlich ist. Das entsprach auch lange der allgemeinen Überzeugung. Plakate aus den Fünfzigerjahren zeigten tatsächlich Radfahrer und Ärzte (!), wie sie Zigaretten rauchten und anpriesen. Einer der Werbesprüche: «Ärzte rauchen Camel». Und weil die Werbung für Zigis neben der Autowerbung zu den wichtigsten Kunden der Zeitungen und Zeitschriften gehörten, wurde in den Medien nicht gerade viel über die klaren Warnungen der Präventivmediziner veröffentlicht. Denn die Strafe folgte bei einem aufklärenden Artikel auf dem Fuss: Anzeigen wurden zurückgezogen. Zu Hilfe kam den Produzenten, dass eine Mehrheit von Medienmachern überzeugte Raucher waren.

In unseren Breitengraden hat die Zigarettenindustrie inzwischen eingesehen, dass Lügen in einer aufgeklärten Gesellschaft keine Chance mehr haben. Werbesprüche wie «Rauchen ist etwas für Erwachsene», die jedem Kind suggerieren, wenn es raucht, sei es etwas erwachsener, sind längst als zynische Manipulation entlarvt. Dafür wird in den ärmeren Ländern gnadenlos mit viel Werbung eine weitere Generation von Rauchsüchtigen herangezogen.

Linke Doppelmoral

Eine schöne Illustration für die zynische Haltung der Zigarettenhersteller liefert ein Blick in die Headquarters der grössten Zigarettenhersteller in Lausanne: Es gibt wohl kaum eine andere Firma, in der so wenig Kaderleute rauchen. Am Eingang sieht man gleich den Fitnessraum fürs Personal, auf jeder Etage gibts Cafés und Restaurants mit viel Früchten und Gemüse. Gratiszigaretten fürs Personal sind nur noch ein Gerücht. Bei den Herstellern von Zigaretten wird schlicht nicht mehr geraucht, denn diese Leute wissen genau, was sich Raucher antun.

Apropos Moral: Die Westschweizer Städte Neuenburg und Lausanne, wo die Cigarettiers mit ihren Headquartern und Fabrikationsstätten etabliert sind und Hunderte von Menschen beschäftigen, werden von Exekutiven mit rot-grüner Mehrheit regiert. Von Leuten also, die stets mit erhobenem Moralfinger gegen den «Atomkanton» Aargau und dessen Behörden ausrufen, die eine gewisse Toleranz gegenüber der Atomlobby zeigen. Vor ihrer Tür dagegen dulden sie stumm die guten Steuerzahler, deren Produkte bisher weit mehr Menschen getötet haben als alle Atomkraftwerke dieser Welt zusammen. Das Ende der Zigarette wäre eine gute News – wenns den Konzernen denn wirklich ernst wäre.

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