Neulich fand ich beim Aufräumen in der hintersten Ecke meines Kleiderschranks zwei Schuhkartons, beide randvoll gefüllt mit Liebesbriefen meines ersten Freundes. Er nannte mich «Kleine» darin. Und «Mäuschen», was ich, als ich die Briefe hastig und ganz berauscht von diesem Liebes-Flashback las, ein bisschen peinlich fand. Er malte rote Herzchen aufs bunte Briefpapier, schrieb von ewiger Liebe und so. Ziemlich romantisch diese Briefe, bedenkt man, dass er damals 17 und hormongesteuert war und sich eigentlich vor allem für Fussball interessierte. Ich war gerührt.

Liebe via SMS ist bequem

Die Briefe bekam ich mit 15, meist lagen sie am Morgen noch vor der ersten Schulstunde im Klassenbuchfach, angeschrieben mit «für Maria» in der krakeligen Schrift eines Neuntklässlers. Seither hat sich einiges verändert in der Art, wie wir unsere Liebe kommunizieren. «Schreib ihr einen Liebesbrief – dass sie in 40 Jahren Whatsapp-Nachrichten auf dem Dachboden findet, ist eher unwahrscheinlich», las ich gerade auf Facebook, eine Bekannte postete diesen Text auf ihrem Profil und versah ihn mit einem Smiley mit Herzchenaugen.

Entgegen der Überzeugung vieler, dass ein handgeschriebener Liebesbrief das Romantischste überhaupt ist, bekundet heute nahezu jedes Pärchen seine Liebe hauptsächlich via SMS und Whatsapp. Die technischen Möglichkeiten erlauben es uns. Und wir nutzen sie. Auch, weils bequemer ist.

«Schätzi» schrieb ich

Ich kann mich gut erinnern, als ich mich als Teenager mittags an einen Tisch in der Mensa setzte, Papier und Glitzerstift aus meinem Rucksack holte und sorgfältig überlegte, wie ich meine Kitsch-Zeilen von gestern heute noch überbieten könnte. Poesiebuch-mässig klebte ich Sticker auf die Seiten. Ich sprayte Parfum auf den Umschlag! Ob die Briefe noch existieren, weiss ich nicht. Dass sie noch duften würden, glaube ich kaum. Dass ich meinen Freund «Schätzi» nannte, das stünde dort noch.

Heute geht das schneller. Binnen Sekunden ist ein «Ich liebe dich» verschickt. Nicht einmal stehenbleiben muss man, um jemandem zu schreiben, dass man ihn mag. Jemandem sagen, dass man an ihn denkt: Ein Mal ein rotes Herzchen tippen und senden, das reicht. Die digitale Romantik ist vergänglich, kurzlebig, spontan – und darum weniger wert? Nein.

Mehr als Dickpics

Noch nie haben sich Menschen so häufig ihre Liebe bekundet wie heute. Wir tun es überall und zu jeder Tageszeit. Von überall aus der Welt in jede Ecke der Welt. Vielleicht sogar mehreren gleichzeitig. Wir schreiben uns die süssesten Wortkreationen hin und her, schicken Fotos vor dem Schlafengehen und Videobotschaften nach dem Aufstehen.

Wir können sexy sein, Lust machen. Sexting ist mehr als Dickpics und das unerlaubte Weiterverbreiten intimer Bilder. Wer erwachsen ist und die Regeln des erotischen Dialogs befolgt, hat Spass nicht nur beim Schreiben, sondern auch danach. Wer glaubt, unsere Generation wüsste nicht mehr, was es bedeutet, seine Liebe in Worte zu fassen, liegt falsch. Die Liebe lebt auch in Post-Liebesbriefzeiten. Es ist das beste Liebes-Trallala aller Zeiten!

Doch einen Ratschlag habe ich: Befolgen Sie den Facebook-Tipp und schreiben Sie Ihrer Liebsten, Ihrem Liebsten hin und wieder einen Brief. Seien Sie kitschig, malen Sie Herzchen, sprayen Sie Duft. Ganz altmodisch eben. Denn ja, Papier werden Sie auch in 40 Jahren noch auf Ihrem Estrich finden, ein SMS wohl kaum. Und das fühlt sich dann (hoffentlich!) gut an (oder ein bisschen peinlich). Mit einem Brief bleiben Sie in Erinnerung – auch dann noch, wenn Sie bereits aus dem Telefonbuch Ihrer Verflossenen gelöscht wurden.